Networking
Kein Beziehungskonto mit Soll und Haben

Die Fähigkeit, mit Menschen geschäftlich wie privat Kontakte aufzubauen und den auch zu pflegen, wird überlebenswichtig. Dies prophezeit Betriebswirt und Autor Andreas Lutz in seinem Buch „Praxisbuch Networking“, das er gerade herausgebracht hat.

Lutz prophezeit: „Viele müssen heute erkennen, dass andere, die über die besseren Kontakte verfügen, nicht mehr nur an ihnen vorbeiziehen, sondern ihnen sogar den Job streitig machen“, beobachtet Lutz. Auch eine Umfrage des Jobportals Stepstone belegt: Fast 40 Prozent der Stellen gehen unter der Hand weg – durch Tipps von Freunden oder Bekannten.

Doch was tun, wenn man eher introvertiert ist? Wenn man keine Lust auf Visitenkartenpartys hat, Small Talk für leeres Gequatsche hält und es obendrein peinlich findet, Fremde um Rat zu fragen? „Zunächst hilft es, sich klarzumachen, dass Networking nichts mit Verkaufen oder Vitamin B zu tun hat“, betont Lutz. „Wer sich darum bemüht, andere Menschen kennen zu lernen, die Interessantes machen oder dort sind, wo man selbst noch hin will, braucht zwar Selbstbewusstsein, hat damit aber noch lange nicht die Leute für seine Zwecke ausgenutzt.“

Schließlich geht es beim Netzwerken darum, vom Kontakt zu anderen Menschen und von deren Kontakten wiederum zu profitieren. „Aber erstens bedeutet Networking geben und nehmen“, erläutert Lutz. „Zweitens sollte man sowieso kein Beziehungskonto führen, auf dem man alles, was man von jemanden erhält, als Soll verbucht, und alles, was man ihm gibt, als Haben verbucht.“ In richtigen Netzwerken macht das Geben und Nehmen beiden Seiten Spaß – und es führt zu keinerlei Verpflichtung. Wer einem Netzwerker einen Gefallen getan hat, kann auch einen ganz anderen Netzwerkpartner um Hilfe bitten – und wird sie meist auch bekommen. Um sich und anderen die dazu nötige Lockerheit zu erhalten, müssen Netzwerker vor allem eins lernen: nicht enttäuscht zu sein, wenn andere ihnen nicht weiterhelfen können oder wollen – sondern jedem stets die Möglichkeit geben, auch Nein zu sagen.

Eine weitere Faustregel unter Netzwerkern lautet: Mindestens die Hälfte der Kontakte sollte nicht aus der eigenen Firma stammen. Bei größeren Unternehmen heißt das: Mindestens die Hälfte der Kontakte sollte zu Kollegen in anderen Abteilungen oder Bereichen gepflegt werden. Lutz: „Wer wenig Zeit hat, geht am besten mittags immer mal wieder mit anderen Leuten essen.“ Das Wichtigste aber ist zu begreifen, dass Networking kein taktisches Verhalten, sondern eine Lebenseinstellung ist. „Wer beim Aufbau von Beziehungen ganz konkrete Erwartungen an den anderen stellt, blockiert sich selbst und degradiert den Kontakt nur als ein Mittel zum Zweck“, warnt Lutz. „Besser ist es, offen auf Menschen zuzugehen. Der Erfolg kommt beim Networking von selbst – wenn die Leute zueinander Vertrauen finden.“ Lutz’ Resümee: „Heute muss sich praktisch jeder ein Netzwerk tragfähiger Beziehungen aufbauen, das ihm die Sicherheit gibt, die der Arbeitgeber und der Staat nicht mehr bieten.“ Denn: Wer die Fähigkeit hat, einfach gute Beziehungen aufzubauen, muss sich um seine Zukunft, vor allem aber auch um sein berufliches Auskommen weniger Sorgen machen.

Wie zum Beispiel Christian Rembe. „Ich habe mich schon während meiner Promotion über Messtechnik für Mikrosysteme für ein absolutes Spezialgebiet entschieden und immer Kontakt zu den wichtigsten Koryphäen und Firmen gesucht“, erklärt der Physiker und Ingenieur. Allein seiner Netzwerkkunst verdankt er ein Forschungsstipendium an der US-Eliteuniversität in Berkeley. Und nicht nur das – auch seinen Job.

Als Rembe für ein Uni-Forschungsprojekt beim Messtechnikspezialisten Polytec ein Gerät orderte, fragte man ihn beiläufig, ob er Lust auf einen Fachvortrag bei den Waldbronnern habe. Hintergrund der Anfrage: Der Polytec-Geschäftsführer wollte Rembe kennen lernen, weil er jemanden für seine Entwicklungsabteilung suchte. Obwohl er von der Jobofferte nichts ahnte, hielt der 37-Jährige den Vortrag – und bekam das Angebot. „Mein Traumjob“, resümiert Rembe, der nun Abteilungsleiter in der 250-Mann-Firma ist. „Weltweit gibt es nur drei Firmen, die mir in meinem Gebiet ein ähnlich tolles Angebot machen könnten.“

„Praxisbuch Networking“. Linde Verlag, 14,90 Euro

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