Netzwerke
Der Mythos der Menge

Ein Stapel Visitenkarten ergibt noch kein tragfähiges Netzwerk. Denn nicht die Masse macht es. Ob aus losen Fäden ein fester Knoten geknüpft wird, entscheidet die kluge Auswahl und die intensive Pflege weniger Kontakte.

DÜSSELDORF. Die Überraschung für Jacky Nill kam mit der Post: Die Unternehmensstiftung eines deutschen Automobilkonzerns lud den jungen US-Manager nach Deutschland ein, zu einem exklusiven Jahrestreffen von Führungsnachwuchskräften aus beiden Ländern. Die Stiftung übernahm alle Kosten und richtete sogar eine interne Onlineplattform zur Vernetzung ein: Jeder Teilnehmer konnte so den Faden zu anderen Alumni wieder aufnehmen und sich nach dem persönlichen Kennenlernen in Erinnerung bringen. Eine gute Chance für hochkarätiges Networking, doch Jacky Nill verpatzte sie. Denn er betrieb unverblümt Akquisition für sein eigenes kürzlich gegründetes Unternehmen und bombardierte damit, gegen den Willen der Veranstalter, sogar alle Teilnehmer der vorherigen Jahrgangstreffen. Doch die Kontakte blieben aus, Nills Networking-Spam wurde meist sofort gelöscht und der Amerikaner dies- und jenseits des Atlantiks zur unerwünschten Person.

Solche exklusiven Chancen boten sich Harald Christ erst gar nicht. Er fand nur bescheidene Startbedingungen vor, doch er machte daraus eine beeindruckende Karriere: Vor fünf Jahren, mit Anfang Dreißig, wurde Christ zum Vorstandschef von HCI Capital in Hamburg ernannt, Deutschlands größtem unabhängigen Schiffsfinanzierer. Seit vergangenem Jahr ist das Unternehmen im MDax notiert, und der Börsengang hat Christ zum vielfachen Millionär gemacht. Trotzdem hat der heute 35-Jährige nicht vergessen, was ihm beim Aufstieg half: „Ohne Netzwerk wäre ich nicht dort angekommen, wo ich heute bin“, sagt der Manager.

Harald Christ stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Arbeiter im Rüsselsheimer Opel-Werk, die Mutter Aushilfe in einer Sektkellerei. Mit 16 Jahren wollte er nach der Schule Bankkaufmann werden, kassierte bei Bewerbungen aber lauter Absagen. Christ wurde statt Bank-Azubi Lehrling bei den Stadtwerken Worms, danach stieg er in den Finanzvertrieb ein. Und dabei merkte er, wie wichtig es ist, die richtigen Leute zu kennen. Er knüpfte in Wirtschaft, Verwaltung und Politik an seinem persönlichen Netzwerk, Knoten für Knoten. Inzwischen gibt es davon 1 400 in seiner Datenbank, 200 davon sind intensiver gepflegte Kontakte – die dickeren Fische im Netz.

200 – eine Zahl, die für menschliche Kontakte und gute Zusammenarbeit eine besondere Bedeutung zu haben scheint. Wie ein roter Faden zieht sich diese Zahl durch die Geschichte, wenn es um die optimale Gruppengröße geht: Sie findet sich in der Kopfstärke von Truppenteilen der römischen Legion oder von Klostergemeinschaften des Mittelalters. Und sie gilt bis in die Gegenwart bei W. L. Gore & Associates: Das amerikanische Unternehmen ist bekannt für die Gore-Tex-Faser und das prominente Familienmitglied Al Gore, den diesjährigen Friedensnobelpreisträger. Auf der ganzen Welt hat keine der vielen Niederlassungen von W.L. Gore mehr als rund 200 Mitarbeiter. Werden es durch Wachstum doch mal mehr, dann wird ein neuer Ableger gegründet. Das Unternehmen ist erfolgreich, seine Firmenkultur gilt als richtungweisend und wurde vielfach ausgezeichnet. Die Anzahl der Mitarbeiter eines Zweigwerks ist begrenzt, um Anonymität zu verhindern. Für die Mitarbeiter soll es möglich sein, sich untereinander persönlich mit Namen und Gesicht zu kennen.

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