Ortswechsel
Koloniales Flair

Phnom Penh ist der Boomtown Asiens. Doch Lydia Parusol vermisst das deutsche Nahverkehrssystem und Kultureinrichtungen, schätzt aber die Atmosphäre und den Nervenkitzel, wenn sie mit dem Motorradtaxi durch die Stadt fährt. Leben und Arbeiten in der Hauptstadt Kambodschas.

HB. Als Lydia Parusol vor vier Jahren zum ersten Mal nach Phnom Penh kam, dachte sie, ihr Studienpraktikum in Indien hätte sie ausreichend auf Kambodscha vorbereitet. „Aber dann war ich doch geschockt“, erzählt die 30-jährige Sozialpädagogin. „Armut oder Hitze haben mir nicht so viel ausgemacht, sondern das Fehlen einer kulturellen Identität, dieses bedrückende Schweigen über die Geschehnisse unter dem Terrorregime der Khmer Rouge in den 70er-Jahren.“

Die Thüringerin kam anfangs für den Deutschen Entwicklungsdienst in das kriegsgeschüttelte Land. Die Straßen der kambodschanischen Hauptstadt waren damals Schotterwege, es gab keine Shopping-Mall und nur wenige Boutiquen, dafür viel Waffengewalt.

Inzwischen sind Phnom Penhs Straßen asphaltiert, und Touristen aus aller Welt stürmen die WiFi-Cafés und Designerläden, die an jeder Ecke öffnen. „Nur über die Vergangenheit redet immer noch niemand“, bemerkt Lydia Parusol. Nach zweieinhalb Jahren in der sozialpolitischen Entwicklungsarbeit entschloss sie sich daher, in den kulturellen Bereich zu wechseln, in dem es auch andere Ausdrucksmöglichkeiten gibt. „Alles hier wächst und entwickelt sich gerade, auch die Kunstszene, das macht die Arbeit sehr spannend“, sagt sie. Im vergangenen Jahr übernahm Parusol das Management des deutsch-kambodschanischen Kunstzentrums Meta House – einer der wenigen Einrichtungen in Phnom Penh, die sich mit kambodschanischer Gegenwartskunst beschäftigt. Zurzeit wird eine Ausstellung gezeigt, in der einheimische Künstler ihre Traumata aus der Zeit unter den Roten Khmer verarbeiten. „Dies ist erst die zweite Ausstellung dieser Art in Phnom Penh“, sagt Parusol nicht ohne Stolz.

Trotz der politischen Problematik genießt sie das Leben mit ihrer internationalen Wohngemeinschaft in einem traditionellen Holzhaus. Und sie mag den Nervenkitzel, wenn sie mit dem Motorradtaxi durch die Stadt fährt, die sich bis heute ihr koloniales Flair erhalten hat. „Trotzdem vermisse ich immer wieder das deutsche Nahverkehrssystem – genauso wie all die öffentlichen Kultureinrichtungen. Diese Strukturen habe ich erst hier, wo es sie nicht gibt, richtig schätzen gelernt.“

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