Ortswechsel
Leben und arbeiten in Tokio

Die japanische Hauptstadt lebt im ständigen Wandel. Dabei ist die Megapolis eigentlich nur ein großes Dorf. Und für Deutsche nach einer anfänglichen Durststrecke durchaus ein Ort zum Wohlfühlen. Der promovierte Japanologe Thomas Hammes machte sich in Tokio selbstständig. Und genießt die Dynamik und die ständige Neugier auf Neues im größten Dorf der Welt.

TOKIO. In Shibuya, dem Stadtteil mit der gefühlt höchsten Dichte an Karaoke-Bars in Tokio, ist Thomas Hammes oft unterwegs. Nicht nur, weil immer noch viele Geschäftsabschlüsse in Japan gern im schön-schiefen Party-Singsang gipfeln. Nein, er mag vor allem die Dynamik, den Wandel und die Neugier auf Neues, die sich hier im Westen der Stadt wie in einem Brennglas konzentrieren. Neulich war er in einer der Seitenstraßen in einem Restaurant namens "Gefängniskrankenhaus Alcatraz": Im Inneren sieht es aus wie in einem Gefängnis, dazu gibt es Speisen, die wie "frisch herausoperiert" serviert werden. Die Jugendlichen der Stadt stehen drauf. Dennoch bleibt abzuwarten, ob sich die Idee halten wird. Die Ladenkonzepte im Szene-Hotspot, der nur wenige Straßenquartiere umfasst, wechseln oft.

"In Tokio wirst du nicht wirklich älter", sagt Hammes, der sein gefühltes Alter mit 25 angibt, tatsächlich aber schon 43 ist. Er stammt aus dem beschaulichen Zell an der Mosel, hat Japanologie studiert, war im Rahmen einer Promotion zwei Jahre in Japan und machte seinen Doktor schließlich in Bonn. Danach ging er wieder nach Japan, hatte Vorstellungsgespräche. Doch Angestellter in Japan, jeden Morgen Rush-Hour in der überfüllten U-Bahn, das war nichts für ihn. Hammes machte sich selbstständig. Er wollte Moselweine und Christstollen importieren - Delikatessen in Japan. Doch ohne Visum keine Firma, und ohne Firma kein Visum. Hammes gründete dennoch sein Unternehmen: "Ich dachte mir, die wollen damit einfach nur testen, ob ich es ernst meine." Japan mag Menschen, die etwas wagen.

Inzwischen führt Hammes neben seinem Importunternehmen ein Übersetzungsbüro mit sieben Angestellten und gut 150 freien Mitarbeitern. Zudem gibt er Sprachbücher heraus ("Japanisch im Sauseschritt"). Tokio, sagt Hammes, sei keine Mega-Metropole, sondern "das größte Dorf der Welt". Das gefalle ihm sehr. Wenn Hammes Deutschland besucht, was vier- bis fünfmal pro Jahr passiert, dann wundert er sich über das Gejammere der Deutschen. GEZ, Dosenpfand oder "Einzelfallgerechtigkeit": All das sei so typisch deutsch und so überhaupt nicht typisch für Japan: "Hier gibt es kein Hartz IV oder Ähnliches. Die ,fighten' hier. Jeden Tag."Marc Raschke

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