Oxfords letztes Frauen-College
Die Bestien von St. Hilda's geben auf

Die letzte reine Frauen-Hochburg in der altehrwürdigen englischen Universitätsstadt Oxford fällt: St. Hilda's College nimmt künftig auch Männer auf. Die meisten Studentinnen finden, dass es dafür höchste Zeit ist - bis auf ein paar Traditionalistinnen. Sie haben nun Zeit bis 2008 für einen Abgang ohne Männer.

HB OXFORD. Die Chronik von St. Hilda's berichtet, dass sich schon die ersten Studentinnen zu helfen wussten: Mangels Teilnahme am sozialen Leben Oxfords „organisierten sie unter sich Tee-Partys, bei denen Gedanken, teils gar leichtsinnige, ausgetauscht wurden“. Jetzt hat sich der wohl leichtsinnigste Gedanke in der Geschichte der 1893 gegründeten Bildungsstätte durchgesetzt: Das College nimmt künftig auch Männer auf.

Mit diesem nahezu sensationellen Beschluss des Verwaltungsrates von St. Hilda's fällt die letzte reine Frauen-Hochburg in der altehrwürdigen Universitätsstadt. Damit verliert auch ein alteingesessenes Spitzwort seine Bedeutung, mit dem die männliche Studentenschaft der anderen Colleges die jungen Ladies von St. Hilda's bedachten: „Hildabeasts“ (etwa: Die Bestien von St. Hilda's).

„Das wurde auch höchste Zeit“, sagt die Linguistik- und Französisch-Studentin Emily Wilkes. „Wir gelten doch als furchtbar altmodisch. Ich habe es erlebt, dass Männer aufhörten, mit mir zu sprechen, wenn sie merkten, von welchem College ich komme.“ Das „Single-Sex“-Prinzip, die selbst verordnete „Eingeschlechtlichkeit“ der Bildungsstätte sei „eine ganz schlechte Vorbereitung auf das reale Leben, wo man nun mal mit Männern Umgang hat“.

Nicht alle St. Hilda's-„Bestien“ waren jedoch froh, als die Direktorin Lady English den Beschluss am Mittwochabend auf dem College-Rasen verkündete. Arielle Goodley, die Englische Sprache und Literatur studiert, sagte der Zeitung „The Times“, der Beschluss sei „eine große Schande“. Die „Nur-Frauen-Regel“ habe weibliche Akademikerinnen wirklich gefördert. Und die Abwesenheit männlicher Kommilitonen und Lehrer sei keineswegs störend gewesen. „Ich habe durchaus gern Jungs in der Nähe, aber nur, wenn es mir gerade gefällt und nicht ständig.“

Dass sich etwas ändern würde, hatten die Damen von St. Hilda's bereits geahnt, als Lady English 2001 das College übernahm. Die Zukunft, befand die neue Leiterin schon bald, sei ohne Männer nicht mehr zu sichern. Immer weniger Wissenschaftlerinnen hatten Interesse, in einem Lehrkörper tätig zu sein, der das andere Geschlecht ausschließt. Und immer weniger Studentinnen wollten das St. Hilda's- Wappen mit den beiden nach links blickenden Seepferdchen und der versteinerten Schlange tragen.

Der Kampf zwischen Traditionalistinnen und Modernisiererinnen unter den 33 Damen des College-Verwaltungsrates wurde in Oxford mit fast so viel Interesse verfolgt, wie das alljährliche Themse-Bootrennen gegen die Mannschaft von Cambridge. Doch bis wirklich die ersten männlichen Studenten auf dem prächtigen Garten-Campus von St. Hilda's auftauchen, gibt es eine Schonfrist. Bis 2008 können all jene Ladies ihre Studien abschließen, die dabei keine Männer um sich haben wollen. Genügend Zeit auch, um das Damen-College mit Herrentoiletten auszustatten.

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