Porträt
Ostap Okhrin: Einstein Junior

Eigentlich wollte Ostap Okhrin zum Film. Stattdessen lehrt der Ukrainer jetzt die Statistik der Finanzmärkte - und sprengt damit selbst jede Statistik: Mit 23 Jahren wurde das Zahlengenie Deutschlands jüngster Professor. Ein Porträt.

Der junge Mann zuckt jedes Mal zusammen, wenn er auf dem Flur der Berliner Humboldt-Universität mit "Herr Professor" angesprochen wird. "Das irritiert mich", sagt Ostap Okhrin. Derart förmlich will sich Deutschlands jüngster Professor eigentlich nicht anreden lassen. Seine Mails signiert er grundsätzlich unprätentiös mit seinem Vornamen: "Viele Grüße, Ostap." Für akademischen Schnickschnack fühlt er sich zu jung, zu normal, zu bodenständig. Doch wenn er in der Vorlesung vor seine Studenten tritt, wird dem 24-Jährigen bewusst, dass sein Leben bislang im Schnelldurchgang abgelaufen ist. Die Interviewanfragen von Zeitungen, Radiosendern und Fernsehanstalten, die er größtenteils ablehnt, machen ihm klar, dass er Ungewöhnliches geschafft hat.

Aber, bitte, immer schön auf dem Teppich bleiben, ist seine Devise, wenn er sagt: "Ich bin kein Popstar." Stimmt. Er ist Professor. Für Erdung im Alltag sorgt allein schon, dass er seine Studenten bittet, ihn zu duzen. All das passt zu seiner jugendlichen Erscheinung und zu seinem frischen, witzigen Wesen. "Ich bin ein lustiger Typ", lautet seine knappe Selbstbeschreibung.

Und er ist wagemutig. Sonst wäre er kaum seinem sechs Jahre und sechs Tage älteren Bruder Yarema nach Frankfurt/Oder gefolgt, der dort Statistik studierte und sein "großes Vorbild" ist. Mit nur mäßigen Deutschkenntnissen, die sich Okhrin während des Studiums erworben hatte, macht er sich vor vier Jahren auf, von der Ukraine bis an die Oder. Aber er ist ja nicht allein, das familiäre Umfeld gibt ihm Geborgenheit. In der ostdeutschen Grenzstadt zu Polen bildet sich eine Kreativzelle aus den Okhrin-Brüdern, sozusagen den Klitschkos der Statistik, und Ostaps Ehefrau Iryna. Sie promoviert derzeit in Statistik. Und seine Schwägerin ist Juniorprofessorin für Logistik an der Viadrina-Universität. Frappierend ist die Ähnlichkeit der Lebensläufe beider Brüder, die auch noch zeitgleich, im April 2008, zu Professoren der Statistik berufen worden sind, wobei Yarema an der Uni Bern lehrt.

Ostap Okhrins große Stärke ist die Beharrlichkeit. Bloß nicht die Flinte ins Korn werfen. Auch dann nicht, wenn man eine große Chance verpasst hat. Oder besser: fast verpasst hat. Eine solche Situation markiert den Startpunkt seiner Karriere: Eigentlich will der junge Ukrainer auf einem Statistik-Symposium mit seinem Vortrag bei Wolfgang Härdle, einer Koryphäe für Statistik und Ökonometrie, glänzen. Leider entschwindet dieser plötzlich, noch bevor sich Okhrin hinter das Mikro des Rednerpultes schwingen kann. Was tun? Okhrin referiert, es gibt viel Beifall und doch ist er enttäuscht. Denn Härdle, so glaubt er, ist vorzeitig abgereist.

Er irrt sich. Im Foyer kreuzen sich später doch noch zufällig ihre Wege. Okhrin ist schüchtern, überwindet aber seine Zurückhaltung und geht beherzt auf den Berliner Statistik-Guru zu. Er macht ihm sein Thema schmackhaft, die beiden verabreden sich für die Rückfahrt im Bordrestaurant des ICE von Bielefeld nach Berlin. Okhrin wird fast die gesamte Fahrt über erzählen - und den gestandenen Professor faszinieren.

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