Produktivität leidet
Rettung vor dem Mail-Tsunami

Computerpost lenkt mehr von der Arbeit ab als Marihuana-Konsum. In ersten US-Firmen gilt deshalb an einem Wochentag striktes Mail-Verbot.

DÜSSELDORF. Fred Wilson hatte genug. Genug von den Hunderten E-Mails, die ihn jeden Tag erreichten, genug von den zahllosen ungelesenen Mails in seinem Postfach. Der altgediente Risikokapitalgeber aus New York beschloss vor einigen Monaten, die Notbremse zu ziehen: Er löschte sämtliche Nachrichten, erklärte öffentlich seinen „E-Mail-Bankrott“ und schrieb in seinen Blog: „Ich fange noch mal neu an.“

Wilson wählte den radikalsten Ausweg aus der E-Mail-Falle, in der sich viele Büromenschen gefangen fühlen. Rund 40 Milliarden elektronische Nachrichten wandern nach Schätzung der Berater von IDC jeden Tag um die Welt – Werbemails nicht mitgezählt. Die Technik, die eigentlich die Kommunikation – und damit die Arbeit – erleichtern sollte, hat sich für viele zu einem echten Zeitfresser entwickelt.

Bis zu zwei Stunden pro Tag verbringen europäische Manager damit, ihre Mails zu bearbeiten, ermittelte das britische Henley Management College. Hochgerechnet auf eine Lebensarbeitszeit von 40 Jahren summiert sich das auf zehn Jahre. Die Studie zeigt auch, dass Mails zusätzliche Arbeit erzeugen: Jede gesendete Mail zieht vier bis sechs weitere nach sich.

Um diesen Schneeballeffekt aufzuhalten, führen amerikanische und britische Unternehmen zunehmend mailfreie Tage ein. Mitte Oktober starteten 150 Ingenieure des US-Chipproduzenten Intel eine Initiative, freitags so weit wie möglich auf Mails zu verzichten. Sie wollen ihre Kollegen dazu ermutigen, mehr miteinander zu sprechen, und so den Ideenaustausch verbessern. Noch weiter gehen der Mobilfunkkonzern US Cellular und die Logistikfirma PBD Worldwide Fulfillment Services: Dort herrscht einen Tag pro Woche striktes Mailverbot.

„Ich wollte mein PDA nicht mehr an den Essenstisch mitnehmen“, erzählt PBD-Vorstand Scott Dockter. „Als Chef gab ich ein miserables Beispiel ab für meine Familie und die Familien meiner Angestellten.“ Er entschied Mitte 2006, sich und die gut 300 Mitarbeiter dazu zu zwingen, freitags zum Telefon zu greifen oder das persönliche Gespräch zu suchen.

Das Verbot zeigte Wirkung: Auch an den übrigen Tagen nutzten die PBD-Mitarbeiter verstärkt die traditionellen Kommunikationswege, der Mailverkehr ging um die Hälfte zurück. In Dockters Postfach landeten sogar 80 Prozent weniger Nachrichten. „Im Gespräch lassen sich die Dinge viel schneller erledigen, weil es weniger Missverständnisse gibt“, sagt er.

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