Prozesse auf Gleichbehandlung
Die Klageweiber der Londoner City

Viele Powerfrauen der Londoner City holen sich die Gleichbehandlung, die das englische Recht seit 30 Jahren verspricht, vom Richter – und oft eine Menge Geld dazu. Trauriger Nebeneffekt der Klageflut: In der City ist man vorsichtiger bei der Einstellung von Frauen geworden.

LONDON. Michelle Langton passt jetzt in ihrem Häuschen in Chelmsford auf ihre Kinder auf, die vierjährige Georgina und den 14 Monate alten Marcus. „Ich würde jederzeit wieder zurück zur Kanzlei gehen. Ich hatte dort sechs gute Jahre“, erinnert sich die 34-Jährige. Als Managerin in der IT-Abteilung der Großkanzlei Herbert Smith in der Londoner City verdiente sie einmal 72 000 Pfund im Jahr.

Für ihre unfaire Entlassung, als sie im vergangenen Jahr mit Marcus schwanger war, hat sich Langton in einem Aufsehen erregenden Musterprozess zwar 40 000 Pfund Schadensersatz erstritten. Aber statt ihr den Halbzeitjob wieder anzubieten, wie das Gerichte anordnete, will die Anwaltsfirma erneut in die Berufung gehen. Auf dem Spiel stehe „das Recht, Teilzeitarbeit zu verweigern“.

Langton war nach Georginas Geburt auf Teilzeit gegangen, wurde dann aber unter Druck gesetzt, zu den Kernstunden zurückzukehren. Ihre Karriere, soll ein Vorgesetzter gesagt haben, hänge davon ab, „wie viele Kinder sie noch wolle“. Michelle Langton zog vor Gericht – so wie viele Powerfrauen der Londoner City. Sie holen sich die Gleichbehandlung, die das englische Recht seit 30 Jahren verspricht, vom Richter – und oft eine Menge Geld dazu.

Den Frauen geht es um gleiche Bezahlung für gleiche Leistung – wie auch den Anwältinnen Sian Heard und Sian Fellows. Von ihrer Firma Sinclair Roche & Temperley forderten sie 7,5 Millionen Pfund wegen Benachteiligung bei der Bonusvergabe.

Häufigste Prozessgründe sind Schwierigkeiten für Teilzeitbeschäftigte, bei der Jagd nach Spitzenpositionen und saftigen Boni mitzuhalten. Die 32-jährige Beth Baird hat Dresdner Kleinwort Wasserstein auf 500 000 Pfund verklagt. Man habe sie entlassen, weil sie eine große Familie wollte. Julie Bower bekam 1,4 Millionen Pfund zugesprochen. Bei Schroder Securities hatte ein Manager über sie gemailt: „Hatte Krebs, nervt alle, ist schwanger.“

Obwohl die meisten Britinnen arbeiten, gibt es ein Viertel weniger weibliche als männliche leitende Angestellte. Je weiter oben, umso mehr bleiben die Männer unter sich. In den Boards der britischen Top-Unternehmen finden sich nur 8,6 Prozent Frauen. Nur drei Prozent davon haben Geschäftsführerpositionen. Und diese wenigen Top-Frauen verdienen wiederum 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, hat Incomes Data Services (IDS) ermittelt. In der City beträgt die Einkommenslücke zwischen Frau und Mann gar 35 Prozent.

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