Psychologen schlagen Alarm
US-Arbeitnehmer fürchten den Urlaub

In vielen Firmen steigt derzeit die Stimmung, weil sich die Mitarbeiter auf ihren Urlaub freuen. Zwei Wochen Meer, drei Wochen Wandern, Fünf-Sterne-Schick, Camping oder Balkonien - Hauptsache mal ausgiebig die Seele baumeln lassen, so zumindest denken Arbeitnehmer hierzulande. Nicht so allerdings in den USA.

HB WASHINGTON. Während in Deutschland Handwerkspräsident Otto Kentzler durch die Verrechnung von Krankentagen den Urlaub kürzen will, schlagen in Amerika die Psychologen Alarm, weil die Amerikaner zu wenig frei nehmen. 421 Millionen Urlaubstage verschenken sie allein in diesem Jahr, fand der Online-Reisedienst Expedia.com in einer repräsentativen Umfrage heraus. Die Zeitschrift "Health" behandelt die Arbeitswut in ihrer Juni-Ausgabe gar wie ein Suchtproblem.

"Entwöhnen sie sich vorsichtig", empfiehlt Psychologin Ilene Philipson in der aktuellen aktuellen "Health"-Ausgabe. "Nehmen Sie sich zu Beginn zwei Stunden in der Woche für einen Park- oder Museumsbesuch - nur, um sich daran zu gewöhnen, mal vom Schreibtisch weg zu sein." Und: "Verlassen sie das Büro mindestens einmal in der Woche zu einer vernünftigen Zeit. Nehmen Sie ihren Urlaub auf einmal" - dann müsse man nur einmal durch den Organisationsstress, so die Experten.

Alle Urlaubstage auf einmal - das dürfte die Arbeitgeber in den USA kaum in die Bredouille bringen. 8,8 Tage bekommen Mitarbeiter im Schnitt nach einem Jahr in einem neuen Job, unabhängig vom Alter. Wer mehr als drei Jahre bei einer Firma ist, darf laut Arbeitsministerium mit 10,7 Tagen rechnen, und nach zehn Jahren Treue sind ganze 16 Tage drin. Die Cornell-Universität fand heraus, dass es nur in Taiwan, Singapur und Japan ähnlich kurze bezahlte Ferien gibt. Dort allerdings ist bezahlter Urlaub gesetzlich vorgeschrieben - in den USA ist er es nicht.

Fünf Tage Urlaub hat etwa Kathy Judd in den vergangenen zwei Jahren genommen. Sie leitet das Washingtoner Musikkonservatorium. "Unterrichten, Lehrer rekrutieren, Konzerte organisieren, Spenden eintreiben - das hält mich einfach das ganze Jahr auf Trab", sagt sie. Carol Laham ist Rechtsanwältin und hängt schon mal an ein Feiertagswochenende einen Urlaubstag dran, mehr nicht. "Ansonsten stapelt sich die Arbeit auf meinem Schreibtisch und es ist um so schwieriger, das alles abzubauen."

Die "Urlaubsentzug-Studie", die der Internet-Reisedienst Expedia nicht ganz uneigennützig jedes Jahr in Auftrag gibt, sieht aber noch andere Trends. So sind die Franzosen mit 39 Tagen die Urlaubsweltmeister, gefolgt von den Deutschen mit 27 Tagen - die Amerikaner kamen im Schnitt auf 12. "Wir stellen fest, dass die Amerikaner immer weniger Urlaubstage nehmen", sagt Expedia-Sprecherin Katie Deines. "Ein weiterer Trend sind mehr Kurzurlaube."

Ein Drittel der gut 2000 Befragten gab an, sie würden regelmäßig nicht alle Urlaubstage nehmen. "Studien belegen, dass zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf und keine Zeit, vernünftiges Essen zuzubereiten, Gesundheitsprobleme verursacht", sagt Maureen Wilt, Dozentin für Sozialarbeit an der Missouri State-Universität in Warrensburg. "Autounfälle, Arbeitsunfälle und Herzanfälle. Zudem weist alles darauf hin, dass ausgeruhte Menschen produktiver sind als überarbeitete."

Doch auch Krankfeiern ist in den USA verpönt. Sechs Tage fehlen Arbeitnehmer krankheitsbedingt im Schnitt im Jahr, fand die Personalforschungsfirma CCH aus Illinois heraus. In Deutschland sind es 13. Kein Wunder: In den USA gibt es rund zehn bezahlte Krankentage im Jahr. Wer länger krank ist, muss Urlaub nehmen. Für mehr gesetzlichen Urlaub kämpft die Initiative "Take back your Time" (etwa: Hol dir deine Zeit zurück) mit dem Argument "Wir arbeiten mehr als mittelalterliche Bauern!" - und Joe Robinson, der das Buch "Arbeite um zu Leben" geschrieben hat. Er mobilisiert Ärzte und Psychologen und bearbeitet Abgeordnete. Ende Juni war er allerdings im Urlaub und für ein Interview nicht zu erreichen.

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