Qualifizierung
Ausweg Einstieg

Wirtschaftsunternehmen wie die Deutsche Telekom suchen nach zukunftsfähigen Modellen, um den Folgen der Demographie zu begegnen. Denn Alterung und Bevölkerungsrückgang betreffen oft auch die eigene Belegschaft. Die Qualifizierung benachteiligter Jugendlicher ist eine Lösung.
  • 0

ESSEN/NÜRNBERG. Gerade was die Gewinnung von Talenten angeht, ist Umdenken angesagt. Das Rekrutierungsideal "Wir wollen die Besten" war gestern. Angesichts sinkender Schulabgängerzahlen wird es schwieriger, Ausbildungsplätze qualifiziert zu besetzen. Gesucht werden jetzt stärker denn je die richtigen, die geeigneten Kandidaten für eine Tätigkeit. Deshalb startete die Deutsche Telekom AG das Pilotprojekt "Meine Chance - Ich starte durch.", das benachteiligten Jugendlichen per Einstiegsqualifizierung Brücken ins Berufsleben baut. Unterstützt von der Bundesagentur für Arbeit hat der Konzern in diesem Jahr zusätzlich zu seinen rund 3 500 neuen dualen Studenten und Auszubildenden 61 Jahrespraktikanten in die Ausbildung integriert.

Diese Jugendlichen haben vor allem eins gemeinsam: Sie suchen schon lange einen Ausbildungsplatz und kommen aus einem Hartz-IV-Haushalt. Sie wurden gemeinsam mit den örtlichen ARGEn ausgewählt und arbeiten nun in den bundesweit 33 Ausbildungszentren der Telekom an ihrer Zukunft. Und: Diese jungen Menschen haben eine sehr realistische Chance, anschließend in ein reguläres Ausbildungsverhältnis übernommen zu werden. Denn nach dem ersten Ausbildungsjahr wird eine Beurteilung in drei Stufen vorgenommen. Sollten die gezeigten Leistungen dem Niveau der Mit-Auszubildenden entsprechen, so werden die Jahrespraktikanten nahtlos in das zweite Ausbildungsjahr übernommen. Haben sie Engagement gezeigt und bewiesen, dass sie zumindest streckenweise mithalten können, so dürfen sie eine reguläre Ausbildung im ersten Ausbildungsjahr beginnen. Sollte jedoch das Engagement nicht gereicht haben, um vergleichbare Leistungen zu erzielen, so trennen sich die Wege wieder.

Das Einstiegsqualifizierungs-Programm der Deutschen Telekom unterscheidet sich von den Bemühungen vieler anderer Unternehmen. Neben der dreistufigen Leistungsbewertung, macht gerade der integrative Ansatz diesen Unterschied aus: Die Jugendlichen werden vom ersten Tag an voll in die Berufsausbildung integriert und nicht in einem gesonderten Programm isoliert. Dieses Merkmal entspricht der Ausbildungsphilosophie des Konzerns. Denn der Telekommunikationskonzern hat vor einigen Jahren seinen pädagogischen Ansatz völlig neu definiert und mit der Methode der Lernprozessbegleitung einen Weg gefunden, der sich durch intensive persönliche Betreuung sowie Förderung der individuellen Fähigkeiten auszeichnet. Kontinuierlich können die Ausbilder den Stand der Schützlinge einschätzen, diese unterstützen und bei Fehlentwicklungen eingreifen.

Dieses permanente Feedback ist für das Unternehmen wichtig, aber genauso für die Jahrespraktikanten selbst, die über Akzeptanz und Erfolg mehr und mehr an Vertrauen und Selbstwertgefühl gewinnen. Das zeigen jetzt schon die ersten Erfahrungen mit "Meine Chance - Ich starte durch." Im Nürnberger Ausbildungszentrum machten die Ausbilder die Erfahrung, dass die Einstiegsqualifizierungs- Praktikanten (EQ-Praktikanten) so sehr von dem Erfolgsgefühl beflügelt werden, dass sie quasi die Auszubildenden mitrissen - nicht umgekehrt: Ein EQ-Praktikant wurde gerade zum Schülersprecher der Berufsschule und eine EQ-Praktikantin zur Sprecherin ihrer Klasse gewählt. Die recht reibungslose Integration ist eine Erfahrung, die durchaus auch andere Leiter der bundesweiten Ausbildungszentren machen. Das hat gerade ein erster Erfahrungsaustausch unter den Telekom-Ausbildern nach zwei Monaten Praxis gezeigt.

Die jungen Menschen wissen offensichtlich nach ihren frustrierenden Warterunden, worauf es ankommt. Denn als EQler waren sie vom ersten Tag an mit viel Engagement dabei und vermitteln, dass sie Freude an ihrer Arbeit haben. Die Ausbilder spüren förmlich, dass die EQ-Praktikanten ihre Chance ergreifen wollen. Bisher wurde in der Ausbilderrunde nur von einem Fall berichtet, wo es atmosphärische Störungen zwischen einem Azubi und einem EQ-Praktikanten geben soll - der erwachsene Umgang unter Jugendlichen, die sich nicht sympathisch sind, gehört eben auf den Lehrplan.

Die Ausbilder machen gerade beim Sozialverhalten, den weichen Schlüsselfaktoren für den beruflichen Erfolg, bewusst keinen Unterschied zwischen Praktikanten und Auszubildenden. Kleine Nachlässigkeiten wie etwa Unpünktlichkeit werden gleichermaßen geahndet, so kommt es nicht zu dem Eindruck einer Klassengesellschaft und Stigmatisierungs-Effekte bleiben aus. Und das, obwohl einige Praktikanten eine zumindest problematische Vergangenheit aufweisen. Diese wiederum gehen teilweise sehr offen damit um und erzählen sehr frei von ihrem Lebensweg - was der Akzeptanz mehr nutzt als schadet.

Seite 1:

Ausweg Einstieg

Seite 2:

Kommentare zu " Qualifizierung: Ausweg Einstieg"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%