Rush Hour
Operation Weihnachtsmann

In diesem Jahr wird alles anders. Das sollten wir uns jetzt, wo die besinnlichen Tage in Büros und Kantinen beginnen, ganz fest versprechen. Wir machen es einfach anders. Anders als sonst, als wir uns allen Sitten und Gebräuchen unterworfen haben und nichts, aber auch gar nichts davon hatten.

Wir haben milde gelächelt, wenn die Assistentin auf ihrem Schreibtisch einen Adventskranz aufbaute – und anzündete. Wir stimmten gütig der Anschaffung eines Team-Adventskalenders zu. Und vor allem: Wir haben uns auf den Weihnachtsfeiern mit und ohne Kunden, mit und ohne Chefs, gut benommen. Wir haben nichts getrunken und nicht gepöbelt, niemanden angemacht, nicht übermäßig gegessen, und uns immerzu freundlich und weihnachtlich unterhalten. Kein Tipp zum korrekten Mitarbeitermit-Führungsambitionen-Verhalten zur Weihnachtszeit war uns zu billig. Es gibt sogar Kollegen, die behaupten, wir hätten bei einem Weihnachtslied mitgesummt. Obwohl das nicht stimmt.

Es hat uns nichts genutzt. Kaum war Weihnachten vorbei und Silvester auch, da wird im Mitarbeitergespräch moniert, dass man immer alles mitmache, aber niemals vorne dabei sei. Beispiel Weihnachtsfeier: niemals wirkliches Engagement für eine Sache, die sich wie keine andere eignet, um ehrenamtlich und mit positiver Grundeinstellung allen eine Freude zu machen.

Das Urteil: Noch ein Jahr mehr im mittleren Management mit mittlerer Beurteilung und allenfalls mittlerem Gehalt.

Deshalb muss diesmal wirklich alles anders werden. Findet Mittelmanager Sondermann. Er überfliegt das Programm der Firmen-Weihnachtsfeier: Nikolaus, Leviten-Lesen für die Geschäftsführung, Go-go-Girls zu Mitternacht extra von der Reeperbahn nach Singen am Hohentwiel (aber ganz anständig), danach abteilungsübergreifendes Vernetzen.

Sondermann weiß: die Zusagequote zur Weihnachtsfeier, die Dauer des Festes, wer duzt wen ab wann – und wer verlässt mit wem die Party: Das alles sind Zeichen. Die Human-Ressources-Leute sind ausgeschwärmt und notieren auf Zetteln mit. Für das Mitarbeitergespräch. Im neuen Jahr.

Sondermann beschließt, den Chef zu stürzen. Start der Operation Weihnachtsmann ist die Weihnachtsfeier. In etwa sechs Monaten muss er dann gehen. In einem halben Jahr, so denkt sich Sondermann, ist vergessen, wer die Drähte gezogen hat. Aber dass die Sache, das erste Weihnachtsfest unter dem Neuen, fürchterlich in die Hosen gegangen ist, das wird noch jeder wissen.

Sondermann ordert einen Zweit-Nikolaus. Mit Leviten-Lesen für die Assistentin des Aufsichtsratschefs, dessen Chauffeur und einen wehrlosen Azubi. Er sendet ein Fax an die Go-go-Girls, ruhig etwas freizügiger zu sein, das wird belohnt. Kann ja niemand wissen, dass die stockkatholische Frau des Aufsichtsratschefs ebenfalls zugesagt hat, die Feier zu besuchen.

Sondermann beschließt, es selbst einmal ordentlich krachen zu lassen. Sondermann wird blitzeblau sein. Amüsant blitzeblau, ein bisschen zu vertraulich, klar, ein bisschen zu eng mit der Tochter des Aufsichtsratschefs. Aber, mein Gott, Sondermann, wenn der zum ersten Mal seit Jahren auftaut, dann ist das doch eine gute Sache, das gönnt man dem Mann doch. Sonst ist er immer so korrekt. Und gemessen an dem Weihnachtsdesaster des vergangenen Jahres muss man doch sagen, dass der beschwipste Sondermann ein echter Lichtblick ist.

Mai 2005. Der Chef muss gehen. Sondermann wird der Neue. Sondermann stoppt die Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier 2005. Gestrichen, wegen der Verfehlungen im letzten Jahr. Sofort.

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