Schelte für Überstunden
Tag und Nacht im Büro

Wer freiwillig - der Firma zuliebe - unbezahlte Überstunden macht, braucht sich dafür weder Tadel noch Spott gefallen lassen. Statt dessen sollte man klar und konkret auf seine Leistung hinweisen. Von Ironie oder emotionalen Reaktionen rate ich dringend ab.

DÜSSELDORF."Na, Sie kommen aber früh heute!" Mit diesem Spruch begrüßte die Chefin einer Bank ihren Mitarbeiter morgens um zehn Uhr. Um gleich zu drohen: dass dem Mitarbeiter - und Handelsblatt-Leser - eigentlich eine Abmahnung drohe. Weil er ja gegen die Arbeitsordnung verstoßen habe. Sie aber wolle es bei einer Verwarnung belassen, da der Mitarbeiter ja zum Wohle des Kunden gehandelt habe. Das wirkte wie eine Kiste Dynamit. Tatsächlich hatte der Mitarbeiter am Vorabend bis nachts um ein Uhr in der Bank gesessen, da es Probleme gab, die er lösten musste - und dadurch dem Kunden und der Bank 400 000 Dollar gespart.

Und nun kam der Tadel, obwohl es ohnehin Gleitzeit gab in der Bank. Der Mann war fassungslos - und verletzt: Hatte er doch nicht nur dieses eine Mal seine Pflicht im Übermaß erfüllt, sondern auch gegen die Arbeitszeitordnung verstoßen und seine Überstunden bei einer Arbeitszeit von bis zu 15 Stunden am Tag nicht aufgeschrieben. Die Frage ist aber: Wie kann ein Mitarbeiter reagieren, wenn der Chef die erbrachte Leistung nicht würdigt und - im Gegenteil - obendrein sogar droht?

Ich empfehle konkrete Ansagen wie: "Ich habe meine gestrige Arbeitszeit um sechs Stunden verlängert, und der Bank sowie dem Kunden Geld gespart. Mein Engagement mit einer Ermahnung zu quittieren kann ich nicht akzeptieren." Oder: "Ich bin erstaunt, dass Sie mir nach meinem Einsatz bis nach Mitternacht die Verspätung vorwerfen." Oder: "Ich kann nicht Tag und Nacht im Büro arbeiten. Daher bin ich - nach dem erfolgreichen nächtlichen Einsatz - heute etwas später im Büro." Von Ironie oder emotionalen Reaktionen rate ich dringend ab.

Der Gipfel der Frechheit war der Kommentar, den eine schwangere Unternehmensberaterin zu hören bekam, als sie ausnahmsweise mal um 19 Uhr nach Hause ging: "Schönen Nachmittag!" Auch wenn in manchen Branchen wie bei Beratungen oder Großkanzleien besonders lange gearbeitet wird, so muss immer eine Sensibilität bestehen für berechtigte Ausnahmen und für das, was gemeinhin als normal gilt. Ein amerikanisches Sprichwort sagt: "Betrachte nichts als selbstverständlich", und das bedeutet für Führungskräfte: Wer alle Extraleistungen seiner Mitarbeiter nicht erwähnenswert findet, wird bald keine Mitarbeiter mehr haben, die dazu bereit sind. Besonderes Engagement muss belohnt werden und der erste - gar nicht teure - Schritt ist ehrliche Anerkennung.

Ein Schweizer Banker, den ich kenne, bedankt sich jeden Freitag bei seinen Mitarbeitern für ihren Einsatz: "Das kostet doch nichts, und billiger kann ich sie nicht motivieren", heißt seine simple, wie einleuchtende Erklärung. Das schwäbische Motto "Nicht kritisiert ist Lob genug" mag vielleicht auf der Alp funktionieren, im Allgemeinen tut es das aber nicht.

Redaktion: Claudia Tödtmann

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