Schikaniert und drangsaliert: Mobbing gehört für viele zum Alltag

Schikaniert und drangsaliert
Mobbing gehört für viele zum Alltag

In vielen Betrieben liegt die Stimmung unter dem Gefrierpunkt. Steigende Arbeitslosenzahlen verschärfen den Konkurrenzdruck, und im Kampf um den Arbeitsplatz sind oft unfeine Methoden nicht tabu. Auch Chefs bedienen sich mieser Mittel, um Mitarbeiter kostengünstig los zu werden. In Deutschland werden nach dem 2002 vorgestellten „Mobbing-Report“ der Sozialforschungsstelle Dortmund rund 800 000 Beschäftigte gemobbt, also systematisch schikaniert und drangsaliert.

HB/dpa ROSTOCK/DORTMUND. „Wir sind das Barometer für die Wirtschaft“, sagt Dieter Viergutz, Geschäftsführer des Vereins „Kontakt halten“, zu dem die „Mobbing- Kontaktstelle“ in Rostock gehört. Gemobbt (engl. to mob = anpöbeln, zusammenrotten) werde immer zuerst in Branchen, denen es schlecht gehe. In der Vergangenheit seien dies die Baubranche und dann auch der Handel gewesen. „Demnächst werden wir vermutlich mehr Angestellte der Stadtverwaltung hier sitzen haben“, lautet die bittere Prognose des 47-Jährigen. Rostock muss sparen und will Stellen streichen.

Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsflaute hält auch Bärbel Meschkutat für „mobbing-fördernde Rahmenbedingungen“. Vergleichszahlen gebe es aber bislang noch nicht, sagte die Projektleiterin des „Mobbing- Reportes“. „Deswegen bleibt dies vorerst eine These.“

Mit einer Arbeitslosenquote von 21,7 % hielt Mecklenburg- Vorpommern im Januar bundesweit die rote Laterne. Auch diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, spüren den Druck und gehen an die Grenze der Belastbarkeit. „Wer nicht spurt fliegt“, bekämen viele Beschäftigte zu hören, sagt Viergutz. „Draußen warten schon zehn andere auf deine Arbeit.“

Schiere Verzweiflung und lange Leidensgeschichten treiben die Betroffenen ins Büro der Kontaktstelle. „Die sind psychisch sehr weit unten“, sagt Peter Baumann, der das Büro leitet. Baumann ist zwar kein Therapeut und kein Jurist, hat aber vermutlich das, was Mobbing- Opfer beim ersten Schritt am dringendsten brauchen: Zeit zum Zuhören. „Juristen und Ärzte haben diese Zeit nicht“, sagt er. „Und zu Hause sagen die Partner oft: „Hör' bloß auf mit Deinem Krempel.““

Juristisch ist Mobbing schwer zu greifen. „Es ist unscharf, aber nicht ungeklärt“, sagte Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte Andreas Buschmann aus Berlin. „Mobbing steht nicht als Begriff im Gesetz. Es ist die soziologische Bezeichnung eines Zustandes.“ Ein Zustand, der für Betroffene oft mit psychosomatischen Erkrankungen endet.

Mobbing-Opfern rät Buschmann herauszufinden, auf welcher Seite der Arbeitgeber steht. Denn nur wenn er vom Mobbing weiß, kann ihm eine Verletzung der Fürsorgepflicht angekreidet und Schadenersatz oder Schmerzensgeld geltend gemacht werden. Genauso wichtig sei ein Tagebuch mit detaillierten Angaben über die Art der Vorfälle und Zeugen.

Mobbing hat unterschiedlichste Formen. Oft erhalten Mitarbeiter Aufgaben, die sie in Anzahl und Inhalt schlicht nicht bewältigen können. „Auch werden Krankschreibungen verstärkt genutzt, um Mitarbeitern das Ausscheiden aus dem Betrieb nahe zu legen“, weiß Baumann.

Doch nicht alles, was man als ungerecht empfindet, ist Mobbing, warnt Baumann. „Ich kann meinem Chef nicht verbieten, meine Arbeit zu kritisieren. Und wenn die Kollegen mich nicht mögen, ist das noch lange kein Mobbing.“

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