Schneller Aufstieg möglich
Klein anfangen – weit reisen

Wer im Einzelhandel Karriere machen will, braucht Durchhaltevermögen. Gerade in kleineren Unternehmen sollten Akademiker sich nicht zu fein sein, mal mit anzupacken und die Ärmel hochzukrempeln. Wer das meistert, schafft oft den Sprung an die Spitze – oder in die Industrie.

Eine typische Situation für die sonnengebräunte junge Frau: Ihr Freund hat einige Pharmakollegen mitgebracht, jeder erzählt etwas von seiner Arbeit, nur Anja Kunz* versucht, das Thema zu umgehen. „Immer wenn ich erzähle, dass ich Bezirksleiterin bei der Textilkette New Yorker bin, bekomme ich mitleidige Blicke“, sagt die blonde junge Frau. „Das macht mich wahnsinnig wütend, schließlich habe ich mir diese Position hart erarbeitet.“

Der Einzelhandel hat ein schlechtes Image, besonders unter Akademikern: mittelständisches Gewurschtel, mickrige Gehälter und schlechte Arbeitszeiten. „Die Branche hat keinen guten Ruf“, bestätigt Dirk Hecking, Handelsexperte bei der Unternehmensberatung BBE in Köln. Unter anderem, weil der Einzelhandel noch sehr wenig international arbeite. „Aber das ändert sich“, fügt er hinzu.

Ausländische Händler wie Carrefour, H&M oder Staples kommen auf den Markt, deutsche Unternehmen stärken ihren Auslandseinsatz: Deutschlands größter Einzelhandelskonzern, die Düsseldorfer Metro- Gruppe, setzt bereits 45 Prozent seines Umsatzes im Ausland um, bei Tengelmann in Mühlheim sind es 56 Prozent, bei der Hagener Douglas- Gruppe 26 Prozent.

Laut Hauptverband des deutschen Einzelhandels hat jeder Zwanzigste der rund 2,8 Millionen Beschäftigten einen Hochschulabschluss, Tendenz steigend. Die Arbeit von Akademikern im Einzelhandel habe sehr schnell mit der Übernahme von Führungsaufgaben zu tun. Hecking: „Im Handel wird jungen Leute schneller Verantwortung übertragen als etwa in der Industrie.“

Die junge New-Yorker-Mitarbeiterin Anfang 30 betreute rund 15 Filialen mit etwa 100 Mitarbeitern, inzwischen hat sie den Job gewechselt. Der Schnitt der Branche liegt zwischen fünf und 30 Betrieben, die ein Bezirksleiter betreut, heißt es bei BBE. Neben großer Personalverantwortung bedeutet dies ein beträchtliches Umsatzvolumen. „Wir rechnen mit 250 000 Euro Umsatz, die ein Verkaufsmitarbeiter pro Jahr erzielen sollte“, sagt Hecking. „In Selbstbedienungsgeschäften eher mehr.“

„Bei uns kann man überdurchschnittlich verdienen“, heißt es beim Modefilialisten Zara Deutschland. Das Joint Venture der Hamburger Otto-Gruppe und dem spanischen Inditex-Konzern zahlt seinen Führungskräften neben dem Fixgehalt einen variablen Anteil von 15 bis 20 Prozent, berichtet die „Textilwirtschaft“. Doch auch dort darf sich niemand zu schade sein, selbst mit anzupacken. Alle Zara-Neulinge starten im Verkauf und übernehmen die üblichen anfallenden Arbeiten – egal, woher sie kommen und wohin sie wollen. Ohnehin arbeiten nur zwei Prozent aller Mitarbeiter in der Hamburger Zentrale, der Rest ist nahe am Kunden aktiv. Wer über 35 Jahre ist, habe schlechte Karten, heißt es in der Personalabteilung.

Mit Anfang 40 sitzen viele Handelsmanager bereits im Chefsessel eines Unternehmens – so wie der Geschäftsführer von Zara Deutschland, Peter Rentsch. Der 42-Jährige ist verantwortlich für rund 1 100 Mitarbeiter und 23 Filialen. Dabei kam der Wirtschaftsingenieur erst nach Stationen beim Zigarettenhersteller British American Tobacco und einem Papierwerk zum Handel: Tchibo, New Yorker, Zara.

In der Vergangenheit war der Jobwechsel zwischen Herstellern und Händlern eine Seltenheit. Es herrschte eher ein Misstrauen als ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen beiden Seiten, sagt Wolfgang Gattermeyer, Partner bei der Unternehmensberatung Accenture. Noch heute beklagen Hersteller, dass sich der Handel zu sehr auf Preisverhandlungen stürze denn auf Rezepte, um im stagnierenden Markt zu überleben.

„Bei einem stärkeren Personalwechsel zwischen Industrie und Handel würden beide Seiten profitieren. Beim Schmoren im eigenen Saft kommt keiner weiter“, sagt Hecking. Um Handelsmanagern den Blick über den Tellerrand zu ermöglichen, bietet die Universität Essen mit der BBE Beratung alljährlich die Summer School Handel an, drei mehrtägige Seminare für nichtakademische Führungskräfte.

Viele Manager, die Karriere im Einzelhandel machen, haben ihren Arbeitgeber öfter gewechselt. Peter Rentschs Partner bei Zara Deutschland, Wolfgang Merkle, ist vergangenen Herbst etwa zur Metro-Tochter Kaufhof gegangen und verantwortet seitdem das Marketing des Warenhauskonzerns.

Eine Vorzeige-Karriere hat auch Martin Seitz gemacht. Der Geschäftsführer des Modeunternehmens Mexx Europe hat einst als Lehrling bei Breuninger in Stuttgart begonnen. Nach Einzelhandelsstationen in Los Angeles und bei den Marken Esprit und Benetton steht er heute an der Spitze von Mexx. Während andere Modeanbieter unter Umsatzrückgängen leiden, steigert Mexx seine Zahlen zweistellig.

Branchenkenner sind überzeugt, dass die Zahl der Akademiker im Handel stark steigen wird. Handelsexperte Hecking bringt es auf den Punkt: „Das ist die Reaktion auf verschärfte Rahmenbedingungen in der Branche. Wenn der Markt höhere Anforderungen an die Händler stellt, brauchen diese qualifizierte Leute, um sich durchzusetzen.“

Die Summer School Handel 2003 findet im Juli und August 2003 statt und kostet 3 890 Euro. Infos über hendrik.schroeder@uni-essen.de und hecking@bbeberatung.com.

* Name von der Redaktion geändert

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%