Schwerpunkt: Berater
Das Wissensmanagement greift zu kurz

Thomas Stewart, Herausgeber der Harvard Business Review, vertritt die Ansicht, dass Unternehmen um das Wissen herum gebaut werden sollten. Eine Handelsblatt-Interview.

Herr Stewart, Sie haben als einer der Ersten darauf hingewiesen, wie wichtig das Wissenskapital künftig für die Unternehmen sein wird. Anscheinend setzen nur wenige Unternehmen die Idee des Wissenskapitals wirklich um.

Geistiges Kapital wird von einigen Unternehmen bereits wirksam eingesetzt, vor allem in Skandinavien mit dem Vorreiter Dänemark. Dort wird der „Posten“ Wissenskapital im Geschäftsbericht ausgewiesen. Bis zu einem gewissen Grad wurde das Konzept des geistigen Kapitals aber vom Wissensmanagement gekapert – zum Nachteil beider Ansätze. Der Unterschied zwischen Wissensmanagement und intellektuellem Kapital ist eigentlich derselbe wie der Unterschied zwischen Management und Kapital. Management zielt darauf ab, mehr aus dem Kapital zu machen. Zu viele Unternehmen haben Wissen bisher als interne Angelegenheit betrachtet, sie haben sichergestellt, dass jeder weiß, was alle anderen auch wissen. Das ist gut und schön, aber zu welchem Zweck?

Wenn Wissensmanagement also eher eine Ablenkung darstellt, worauf sollten Manager denn dann achten?

Die Grundaufgabe ist: Lasst uns das Wissen finden und das Unternehmen darum herum aufbauen, um ein rentables Wissensgeschäft zu führen. Dann muss man dieses Geschäft erforschen und die notwendigen Aktiva aufbauen und erwerben, um rentabler und effektiver arbeiten zu können. Der Reichtum an Wissen ist nicht innerhalb des Unternehmens zu finden, sondern auf den Märkten. Wir müssen untersuchen, was die Kunden kaufen. Und wir müssen Fragen stellen: Warum kaufen sie bei uns und nicht beim Wettbewerber? Welche Produkte kaufen die Leute bei uns, welche sind einzigartig und wertvoll? Was zahlt der Kunde bei uns? Die Antworten ergeben eine Reihe von Attributen und Preisvorstellungen wie Qualität und Bandbreite der Produktlinie. Dann müssen wir weiter fragen: Wie kamen denn diese breit gefächerte Produktlinie, das technische Fachwissen oder die Qualität eigentlich zustande? Welche Umstände erlauben es den Unternehmen, ihre Erzeugnisse billig anzubieten? Erst nach diesem Denkprozess werden wir das Wissen entdecken – die Wissensaktiva, die den Prozess der Wertschöpfung in Gang setzen.

Also müssen sich die Unternehmen umstellen, damit intellektuelles Kapital geschätzt wird?

Bisher haben die Wirtschaftstheoretiker eine Firma juristisch und ökonomisch als ein Bündel von Vermögenswerten betrachtet. Die Fakten des Informationszeitalters belegen, dass ein Unternehmen in Wirklichkeit eine Brutstätte von Ideen ist. Dieser Definitionswandel hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Struktur und Führung einer Organisation – und für den Wettbewerb. Unternehmen sind dazu da, um zielgerichtet zu arbeiten, um ein Magnet für geistiges Kapital und ein Ort für Gespräche zu sein, um bisher verborgenem Wissen eine Heimat zu geben, um Marken und Ruf zu garantieren und um finanzielle und verwaltungstechnische Dienstleistungen zu bieten.

Vollziehen die Unternehmen diesen Wandel?

Die Besten haben damit begonnen, sich mehr mit ihren Ideen als mit ihren Vermögenswerten zu identifizieren. Die Unternehmen teilen sich nun durch Auslagerungen ihre Aktiva. Cisco besitzt zum Beispiel nicht einmal eine Handvoll an Fertigungsanlagen, in denen tatsächlich produziert wird. Die meisten Erzeugnisse werden von den Cisco- Leuten nicht einmal angefasst. Es entstehen mehr und mehr Joint Ventures und Allianzen.

Wie lässt sich Wissenskapital einsetzen und steuern?

Zunächst einmal müssen Sie die Rolle, die Wissen für Ihr Unternehmen spielt, identifizieren und einschätzen – wie Input, Prozess und Output. Wie wissensintensiv ist Ihr Geschäft? Wer wird für welches Wissen bezahlt? Wer zahlt und wie viel?
Zweitens: Messen Sie die Einnahmen, die sie gerade identifiziert haben, an den Wissensaktiva, die die Einnahmen produzieren. Wo liegen die Expertise, die Fähigkeiten, die Marken, das geistige Eigentum, die Prozesse und andere Bestandteile des intellektuellen Kapitals, die für Ihre Firma Mehrwert schaffen?
Drittens: Entwickeln Sie eine Strategie, wie Sie in die geistigen Vermögenswerte ihres Unternehmens investieren und wie Sie diese erfolgreich nutzen können. Wie sehen Ihre Wertanalyse, Ihre Kontrolleinrichtungen und Ihr Gewinnmodell aus?
Und schließlich müssen Sie die Effizienz der geistigen Arbeit und die Effizienz ihrer Mitarbeiter steigern. Bei der Frage, wie man die Produktivität eines Geistesarbeiters erhöhen kann, sollten Sie allerdings nie vergessen, dass intellektuelle Tätigkeiten nicht notwendigerweise so geradlinig verlaufen, wie das oft bei physischer Arbeit der Fall ist.

Das Gespräch führte Stuart Crainer

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