Selbstmarketing
Wer Dornröschen nicht wachküsst

Selbstmarketing wird für die Karriere immer wichtiger: Wer heute vorankommen will, braucht vor allem eine ordentliche Portion Talent zur Selbstdarstellung. Für die stillen Talente, die ihre Leistung beim Chef nicht richtig in Szene setzen, ist der Karrierezug ganz schnell abgefahren.

DÜSSELDORF. „Manchmal fühle ich mich im Job wie Dornröschen, aber kein Prinz kommt, um mich wachzuküssen“, klagt Anja Enders (Name geändert). Die 35-Jährige bearbeitet als Projektleiterin bei einem Pharmaunternehmen klinische Studien und engagiert sich sehr. Doch nach fünf Jahren in der Firma ist ihre Enttäuschung groß. Sie wird lediglich mit einer scheußlichen Halskette und einer noch hässlicheren Plakette geehrt. Worte der Anerkennung von oben aber bleiben aus. „Sonst läuft der Name des Mitarbeiters über den Flatscreen in der Lobby, aber selbst das wurde vergessen. Ich hab mich total geärgert“, erzählt Enders, die ihr Talent nicht gewürdigt sieht.

Ganz anders dagegen erging es ihrer Kollegin, die gleich nach einem Jahr zur Abteilungsleiterin aufstieg. Sie brachte zwar ähnliche Voraussetzungen mit, machte aber im Gegensatz zu Enders viel Wind um sich. Gleich nach Jobbeginn trat sie allen wichtigen Arbeitsgruppen bei, war stets präsent, hatte zu allen Themen etwas zu sagen – und wurde gefördert.

Eine Umfrage des Deutschen Führungskräfteverbands, ULA, unter rund 600 Managern aus dem Mittelbau bestätigt: Jeder Dritte hält Selbstmarketing für das wichtigste berufliche Erfolgsgeheimnis. Lediglich Netzwerke werten noch etwas mehr Führungskräfte als entscheidenden Karrierefaktor. Überraschend: Gerade mal vier Prozent der Befragten betrachten die fachliche Qualifikation als wichtigstes Aufstiegskriterium.

Fakt ist: Wer heute vorankommen will, braucht vor allem eine ordentliche Portion Talent zur Selbstdarstellung – ansonsten wird er schlichtweg übersehen und in ewigen Dornröschenschlaf versetzt. Viele Mitarbeiter merken nicht: In den meisten Firmen und selbst im öffentlichen Dienst werden kurz nach Jobeintritt die Weichen gestellt. Schon dann entscheidet sich, wer die Chance bekommt, sich mit einem Sonderprojekt zu profilieren. Für Leute, die ihre Leistung beim Chef nicht richtig in Szene setzen, ist der Karrierezug ganz schnell abgefahren.

„Leider herrscht oft genug bei Vorgesetzten das Prinzip der selektiven Wahrnehmung“, bestätigt Peter Friederichs. Der Inhaber der Beratung Celidon und Ex-Personalchef der Hypo-Vereinsbank beobachtete oft genug: „Die am lautesten schreien, bekommen die größte Aufmerksamkeit.“ „Wer wenig Wert auf Selbstvermarktung und Kontakte legt, kann es schon nach oben schaffen, aber es wird viel schwieriger“, meint auch Philipp Gebhard, Partner der Münchener Personalberatung Acclivitas.

Allerdings hängt das Thema stilles Talent versus Selbstdarsteller sehr von der Unternehmenskultur ab, betont Achim Mollbach, Bereichsleiter Personalmanagement bei Kienbaum. „Es gibt auch Firmen, vor allem im technischen Bereich, in denen eine übertriebene Selbstdarstellung eher hinderlich ist. Je wissensintensiver und komplexer die Aufgaben sind, desto weniger kommt man mit medialer Show durch.“ Diese Betriebe fahren letztlich besser als jene, in denen die lauten Werber in eigener Sache nach oben kommen. Denn dort verkümmern die stillen Talente. Und ihr Arbeitgeber verschenkt leichtfertig ihre Leistungskraft. Über kurz oder lang vollziehen verkannte Talente die innere Kündigung oder gehen.

Wie aber verschafft man stillen Talenten Gehör? Personalexperte Friederichs: „Indem man sie auch mal den Lauten vorzieht, oder diese mit den guten Beiträgen der eher Ruhigen überrascht.“ Beim Waldshuter Büromöbelhersteller Sedus Stoll etwa kommen auch ruhige Talente zum Zuge. Mitarbeiter bekommen nicht erst ab einer bestimmten Karrierestufe oder einem akademischen Level Förderung. So kam es, dass Sedus Stoll durch gezielte Personalentwicklung vor einigen Jahren das Potenzial eines Azubi aus dem Dornröschenschlaf erweckte. Heute leitet dieser die Konzernfinanzabteilung. Vorstandschef Bernhard Kallup: „Jeder hat bei uns die gleichen Chancen. Die, die Wind machen, aber auch die, die kein Talent zur Selbstdarstellung besitzen. Die fordern wir auf zu sagen, was sie wollen. Schließlich möchten wir unsere Leute lang ans Unternehmen binden.“

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