
DÜSSELDORF. „Wenn wir mal alles aufaddieren, was wir hier eben an Kostenpositionen zusammengetragen haben, müssen Sie für Ihr Auto schätzungsweise 350 Euro im Monat rechnen. Hätten Sie das gedacht?“ fragt Martin Kinkel den leicht nervösen 18-Jährigen. Die Antwort des Auszubildenden lässt sich leicht an seinem Gesicht ablesen. Nein, wohl nicht.
Er habe eher 200 Euro geschätzt, gibt er schließlich nachdenklich zu. Ein leichtes, betroffenes Gemurmel in der Runde zeigt, dass auch die übrigen 40 Kursteilnehmer gerade ein kleines Aha-Erlebnis haben. Ihnen ist klar: 150 Euro, unbewusst ausgegeben, reißen ein ziemliches Loch in ihr chronisch knapp kalkuliertes Azubi-Budget. Aufs Jahr gerechnet, kann das eine echte Hausnummer werden.
Nach diesem kleinen Rechenexempel hat Martin Kinkel, unabhängiger Fachautor und Referent für Finanzthemen, für den Rest der gut dreistündigen Veranstaltung die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner mehrheitlich jungen Zuhörerschaft.
Überschrieben ist der abendliche Vortrag mit „Geldwerte Tipps zum Berufseinstieg“. Die Themen reichen vom Umgang mit Geld über Möglichkeiten zur privaten und betrieblichen Altersvorsorge bis zur Funktionsweise von Versicherungen und den Kosten hinter vielen Finanzprodukten. Eingeladen hat die Hanauer Industriepark Wolfgang GmbH (IPW), eine hundertprozentige Evonik-Tochter und als Produktions- und Forschungsdienstleister Ausbilder für insgesamt gut 300 Azubis.
Schon zum wiederholten Male veranstaltet IPW für sein jeweils aktuelles erstes Lehrjahr und dessen Eltern gleich zu Beginn der Ausbildung ein solches Finanzseminar. Obwohl als freiwilliges Angebot jenseits der Arbeitszeit konzipiert, erscheinen mittlerweile drei Viertel der Azubis zum Termin – manche aus eigenem Antrieb, andere auf sanften Druck der Eltern oder auf Anraten der älteren Azubi-Jahrgänge.
„Die Idee zu dem Seminar kam seinerzeit von den Auszubildenden selbst. In einem Themenbrainstorming für eine Veranstaltungsreihe wurde von ihnen auch immer wieder der Umgang mit Geld genannt“, erzählt Holger Pense, Ausbildungsspartenleiter für die naturwissenschaftlichen Berufe bei IPW. „Ich halte es für sehr sinnvoll, den jungen Leuten schon vom Start weg Infos an die Hand zu geben, die ihnen helfen, das Thema Geld und Vorsorge gleich richtig anzugehen und nicht erst, wenn man schon Geldsorgen hat.“
Zu dieser Einsicht kämen immer mehr Unternehmen, stellt Referent Martin Kinkel fest. Er bietet seine strikt anbieter- und produktneutralen Seminare seit 2004 an und beobachtet in den letzten Jahren ein steigendes Problembewusstsein, nicht zuletzt wegen der fortschreitenden Verschuldung schon bei Jugendlichen, die auch bei den Betrieben ankommt. Im extremsten Fall sei einem seiner Auftraggeber zuvor schon ein Auszubildender in Handschellen abgeführt worden, weil er wegen seiner Geldsorgen auf die schiefe Bahn geraten war.
Die Motivation der Firmen, solche Themen in ihre Weiterbildungspalette aufzunehmen, sei aber sehr vielfältig, so Kinkel. Manchen gehe es um reine Informationsvermittlung, andere nutzten sie zur Mitarbeiter- oder Praktikantenbindung, zur gezielten Schuldenprävention oder um ihrem Nachwuchs jenseits fachlicher Themen das Rüstzeug für eine „finanziell selbst bestimmte Zukunft“ mitzugeben.
Letzteres ist auch der Grund für den Düsseldorfer Spezialchemiekonzern Cognis, seinen Azubis jeweils im ersten Lehrjahr das Thema Finanzkompetenz ins Pflichtenheft zu schreiben. Unter dem Titel „Über Geld spricht man“ klopfen die Jugendlichen in dem Ein-Tages-Seminar ihren Wunschlebenslauf auf Finanzierbarkeit ab, lernen, was vermögenswirksame Leistungen und Bausparen sind oder wie die aktuelle Finanzkrise entstanden ist. „Die Azubis haben zum ersten Mal im Leben einen eigenen Verdienst. In dieser Situation möchten wir ihnen frühzeitig entsprechende Finanzkompetenz vermitteln“, sagt Anja Böhle vom Bereich Gesundheit und Soziales bei Cognis. So lässt Anne Schneider von der Evangelischen Lebensberatung für Langzeitarbeitslose und Schuldnerberatung in Düsseldorf (LFL), die die Seminare für Cognis leitet, die Azubis beispielsweise auflisten, was sie monatlich wofür ausgeben. „Und wenn die Jugendlichen dann feststellen, dass sich ihre Pläne, von zu Hause auszuziehen, so nicht umsetzen lassen, weil nach Abzug all ihrer aktuellen Ausgaben die Miete nicht mehr drin wäre, fangen sie schnell von selbst an, ihr Projekt intensiver zu planen. Den meisten war vorher nur nie klar, dass sie da ein Problem haben könnten.“
Die Präventivwirkung merkt Anja Böhle durchaus: Seit Einführung der Seminare holten sich, so Böhle, die Azubis verstärkt Rat bei ihr für ihre individuellen Vorhaben, brächten die Haushaltspläne aus dem Seminar mit und wollten daran anknüpfen. In der Vergangenheit kamen sie eher dann, wenn bereits Finanzprobleme absehbar waren und akute Hilfe nötig wurde.
Der Elektronikkonzern Rohde & Schwarz hat bei seiner Finanzaufklärung eine andere Mitarbeitergruppe im Blick. Am Standort München nehmen Nachwuchskräfte – Praktikanten und Studenten – am Finanztraining bei Martin Kinkel teil. „Die Studierenden sind uns sehr wichtig. Wir möchten ihnen neben fachlicher Weiterbildung auch etwas mit auf den Weg geben, was sie später persönlich gebrauchen können“, erklärt Maria Schröder, Personalreferentin, die Investition. „Unser umfangreiches Schulungsangebot soll sie rundum fit für den Berufseinstieg machen, da gehört der richtige Umgang mit Geld gerade in der heutigen Zeit dazu. Unsere Studenten können zwar sicherlich alle mit Geld umgehen, aber die Finanzen sind ein Thema, mit dem man sich selten befasst. Das wollen wir mit diesem Seminar ändern.“