Serie: Stress
Ängste nehmen

Stress hat sich mittlerweile zur Volkskrankheit entwickelt. Bei Automobilhersteller Renault führte dies sogar zu einer Selbstmordserie. Nun bieten Firmen vermehrt Vorsorgeseminare an und schulen die Mitarbeiter. Von diesen Maßnahmen profitieren auch die Unternehmen - selbst, wenn es kostet.
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Eine Selbstmordserie erschüttert den französischen Automobilhersteller Renault. Innerhalb von nur fünf Monaten nahmen sich drei Mitarbeiter des Entwicklungszentrums in Guyancourt nahe Paris das Leben. Im Oktober sprang ein Informatiker aus dem fünften Stock in den Tod. Im Januar ertränkte sich ein Ingenieur in einem Teich auf dem Firmengelände. Im Februar erhängte sich ein weiterer Ingenieur in seiner Wohnung. In seinem Abschiedsbrief schilderte der Vater eines fünfjährigen Sohnes Probleme am Arbeitsplatz.

Stress als Auslöser für Freitod? Die Staatsanwaltschaft prüft die Fälle, und ganz Frankreich diskutiert. Die Gewerkschaft verweist auf die härter gewordenen Arbeitsbedingungen im "Technocentre", dem Herzstück des Automobilherstellers. 12 000 Techniker basteln hier an 26 neuen Modellen, die bis 2009 auf dem Markt kommen sollen, 13 davon sind komplette Neuentwicklungen - der umfassendste Modellanlauf in der Geschichte des Konzerns. Das fordert die gesamte Belegschaft heraus und verlangt den Mitarbeitern enorm viel ab.

Überlastung am Arbeitsplatz ist längst ein Massenphänomen. Die Globalisierung zwingt Unternehmen zur Kostensenkung. Personal wird reduziert, aber nicht die Menge der Arbeit. Folge: Der Druck steigt. Aber nicht alle werden damit gleich gut fertig. Und das ist das Problem: Stress wird individualisiert. Wer mit dem Arbeitsumfang nicht zurechtkommt, wird schnell als Minderleister gebrandmarkt. Also halten viele die Klappe, wursteln sich durch und betreiben Raubbau an Seele und Körper.

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Dass es auch anders geht, zeigen Unternehmen wie Commerzbank, DFS Deutsche Flugsicherung und Sanofi-Aventis. Mit einem Bündel an Maßnahmen reduzieren sie den Stress am Arbeitsplatz, bieten Seminare zur Prävention, Unterstützung bei akuten Problemen und gezieltes Training der Führungskräfte. Die Logik dahinter: Erholte Mitarbeiter machen weniger Fehler, sind seltener krank und arbeiten produktiver. Das wirkt sich langfristig positiv auf den Gewinn aus.

Die Zeit drängt. Die genannten Unternehmen bilden eine rühmliche Ausnahme. In der Mehrzahl der Betriebe wird Stress tabuisiert oder ignoriert. Dabei zeigen Untersuchungen: Psychische Störungen sind mittlerweile die dritthäufigste Ursache für Krankheitstage - vor zehn Jahren noch auf Rang fünf. Und im Gegensatz zu anderen Krankheiten nehmen psychische Störungen deutlich zu.

Erst wenige Unternehmen haben die Gefahr erkannt und setzen konsequent auf Vorsorge. So bietet die Commerzbank seit Oktober 2006 ihren 36 000 Mitarbeitern spezielle Seminare zum Stressmanagement an - gegen einen geringen finanziellen Eigenbeitrag. Dort lernen die Teilnehmer, wie sie mit Zeit- und Leistungsdruck professionell umgehen, die Arbeit abends gedanklich im Büro lassen und Prozesse optimieren.

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