Sponsor Puma finanzierte Studium
MBA statt Boxen

Fikriye Selen hätte so etwas wie die schwarzhaarige Ausgabe von Regina Halmich werden können. Als Boxerin sportlich erfolgreich, dazu attraktiv und photogen. Genau die richtige Mischung von kampfstark und feminin, die sich heute werbewirbsam vermarkten lässt. Doch als ihr als einer der wenigen Frauen in Deutschland der Sprung ins Profilager angeboten wurde, lehnte sie ab, und machte lieber ihren MBA.

KÖLN. Nach ihrem Studium an der NIMBAS Graduate School of Management im niederländischen Utrecht fing sie im Juli 2000 als Junior-Produktmanagerin Bad & Küche bei Villeroy & Boch angefangen. Heute arbeitet die 28-Jährige im Unternehmensbereich Tischkultur Marketing & Kommunikation. Handelsblatt fragte die in Köln lebende Türkin nach Karriere und Boxen.

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Sie haben mit Ihrer Karriere als Boxerin aufgehört, als es gerade anfing, interessant zu werden, und Sie wie Regina Halmich hätten Profi werden können. Trotzdem haben Sie lieber einen MBA gemacht, um Managerin zu werden.

Ich hatte als Sportlerin alles erreicht, was ich erreichen wollte. Ich war mehrfache türkische Meisterin und 2000 dann auch Vize-Europameisterin. Und ich hatte auch eine gewisse Anerkennung in Deutschland.

Nett, aber als Profi hätten Sie dann vielleicht richtig Geld verdienen können.

Geld verdienen allein hat mich nie interessiert. Deshalb habe ich ja auch das Angebot, mich für den Playboy auszuziehen, abgelehnt.

Umsonst war aber auch Ihr MBA-Studium nicht...

Natürlich ist ein MBA-Studium teuer, und ich hätte das Geld nur schwer aufbringen können. Man kann sagen, dass mich mein Sponsor Puma durchs Studium gebracht hat. Die waren immer loyal und fair zu mir. Das habe ich nicht vergessen. Noch heute würde ich nie eine andere Marke tragen als Puma, obwohl ich keine vertragliche Werbeverpflichtung mehr dazu habe.

Warum ein MBA? Sie hatten bereits in Köln Betriebswirtschaft studiert, hätten also auch versuchen können, direkt in die Wirtschaft zu gehen.

Ich hatte das Gefühl, ich muss noch mehr studieren, noch mehr lernen. Ein bisschen wie beim Boxen: Da hatte ich auch immer das Gefühl, ich muss noch mehr trainieren. Ich möchte das, was ich gelernt habe, beherrschen. Und zu Ende bringen. Das war nach meinen drei Jahren an der (privaten) Cologne Business School noch nicht der Fall.

Sie sind dann an die NIMBAS Graduate School of Management in Utrecht gegangen. Das ist eine eher kleine Schule mit familiärer Atmosphäre. Hat das Studium Sie persönlich verändert?

Ich habe viel gelernt. Ich verstehe jetzt die Zusammenhänge viel besser.

Das war nicht die Frage...

Als Mensch hat es mich nicht verändert. Vielleicht kann man sagen, dass es mich fachlich sicherer, souveräner gemacht hat, aber wirklich verändert hat es mich nicht.

Und sonst?

Für mich sehr wichtig ist das sehr persönliche Verhältnis zu Joséphine (Borchert-Ansinger, der NIMBAS-Präsidentin, A.d.R.) und auch zu Eva Niemann bei NIMBAS in Bonn. Die sind für mich Mentorinnen. Noch heute würde ich bei einer schwierigen beruflichen Entscheidung mich jederzeit mit beiden beraten können.

Mit ihrem MBA in der Tasche sind Sie dann bei Villeroy & Boch in der tiefsten saarländischen Provinz angefangen. Ihre erste Wahl? Mit einem MBA geht man doch eher in's Investmentbanking oder in's Consulting.

Ich hatte mehrere Angebote und habe mich dann für Villeroy & Boch entschieden. Ich bin kein Number cruncher. Produktmanagement ist genau das Richtige für mich. Der Kontakt mit verschiedenen Bereichen und Menschen, die Schnittstelle von Kreativität, Produktion, Marketing...

Aber Mettlach, der 10 000-Seelen-Ort, wo Villeroy beheimatet ist, ist nicht gerade das Zentrum der Welt, mit der Internationalität, die Sie aus Ihrem MBA-Studium kennen...

Sie wären wahrscheinlich erstaunt, wieviel kreative Leute aus ganz Europa zu uns kommen. Und ich bin auch im ständigen Kontakt mit allen wichtigen Zentren, mit Agenturen etc.

Wer bei der Thomas-Gottschalk-Sendung "Wetten, dass...?" vor Millionen Menschen aufgetreten ist und Werbeplakate in ganz Deutschland geziert hat, ist auch in Mettlach kein Unbekannter...

Das war eigentlich nie ein Problem. Bei Villeroy wusste praktisch niemand von meiner Box-Karriere. Aber natürlich war ich als Türkin mit MBA schon eine Exotin. Es dauerte ein gewisse Zeit bis man mir glaubte: Hey, ich bin total normal. Ich bin eigentlich ganz nett.

Und stimmt es?

Natürlich bin ich in gewisser Weise ein Einzelkämpfer. Aber ich brauche den Kontakt zu Menschen. Ich bin sehr fordernd. Ich fordere, etwas lernen zu wollen. Ich fordere, dass ich involviert bin. Aber ich bin auch mein schärfster Kritiker.

Wie wichtig ist denn Karriere (machen) für Sie?

Ich war immer sehr fixiert auf meine Ziele, bin noch heute sehr zielorientiert. Aber die klassische Karrierefrage: Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?, könnte ich nicht beantworten.

Was dann?

Ich will das, was ich mache, gut machen. Aber nicht Karriere um jeden Preis.

Was heißt das?

Ellbogenmentalität mag ich nicht.

Erstaunlich, dass Sie das als Boxerin sagen...

Das sehen Sie völlig falsch! Boxen ist hart, es tut körperlich weh, Sie kämpfen mit letztem Einsatz, aber im Boxring geht es viel direkter, ehrlicher zu als im Leben.

Hört man da eine gewisse Nostalgie heraus?

Nein, das Boxen ist für mich ein abgeschlossenes Kapitel. Aber natürlich musste ich lernen, etwas weniger direkt zu sein. Und manchmal denke ich bei meinen Kollegen auch: Hört auf mit dem Gejammere! Die letzten Stunden vor einem Boxkampf sind ja wirklich die Hölle. Die eigene Anspannung, das Warten, die Medien. Dagegen ist das, was ich heute an Stress habe, wirklich nur Peanuts. Das habe ich beim Boxen schon gelernt: In einer sehr stressigen Situation sehr präsent zu sein.

Klassische Karriere-Frage: Haben Sie das Gefühl, dass es für Sie als Frau schwieriger ist, Karriere zu machen - oder als Türkin in Deutschland?

Vielleicht will ich mir dazu keine Gedanken machen. Mehr Leistung zeigen zu müssen als andere, war für mich nie ein Problem. Ich war in der Sporthalle immer die erste, die gekommen ist, und die letzte, die abends das Licht ausgeknipst hat. Ich habe kein Problem damit, besser sein zu müssen als andere. Ob als Frau oder als Türkin. Und ich habe immer daran geglaubt, dass ich, wenn ich gut genug bin, wenn ich Leistung bringe, auch Karriere mache.

Und wenn nicht?

Ich lasse mich nicht verbiegen. Integrität ist mir wichtig. Wenn ich mich irgendwo verbiegen muß, dann gehe ich.

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