Stellenanzeigen
Kryptische Sitten auf der Insel und in Übersee

Wer in Großbritannien oder in den USA Arbeit sucht, muss erst einmal Stellenanzeigen lesen lernen. Denn sie sind oft so verklausuliert, dass selbst wer fließend Englisch spricht, sie nicht auf Anhieb deuten kann. Zum Glück erübrigt sich beim Vorstellungsgespräch meist die krampfige Gehaltsdebatte.

LONDON. Die Annonce des Londoner Softwarehauses war kurz und übersichtlich – aber trotzdem schwer verständlich. Zumindest Andreas Schmitz, Vertriebsmanager aus Berlin (Name geändert), verstand nur Bahnhof als er die vielen Abkürzungen in der „Times online“ las: Sales Exec London ,£40k-£45k pa (neg.) plus comm. Attractive bens. „Abgesehen davon, dass ich mich erst im Lexikon vergewissern musste, dass „k“ für Kilo also 1 000 stand, hatte ich keine Ahnung, wie viel mir nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleiben würde“, erinnert sich der 45-jährige Key-Accounter, der fest entschlossen war, seiner Frau nach London zu folgen.

Erst als der Berliner auf der Webseite  www.deutsche-in-london.de auf Gleichgesinnte stieß, lernte er, den fremdartigen Code zu knacken. Beim Chatten erfuhr er, dass britische Arbeitgeber fast immer das Jahresgehalt (pa = per annum) angeben. In diesem Fall bestand es aus einem Festgehalt plus Provisionsvergütung (plus comm) gemessen am Umsatz. Und Schmitz erfuhr, dass der Gehaltspoker, wie er in Deutschland üblich ist, im Vorstellungsgespräch in Großbritannien tabu ist. Es sei denn, in der Anzeige steht ausdrücklich neg. (negotiable) – dann ist es also verhandelbar. Schon im Bewerbungsschreiben sollte man dann seine Gehaltsvorstellungen nennen. Und auch für die Brutto-Netto-Rechnung fand er im Netz eine Lösung auf der Webpage  www.listentotaxman.com.

„Wer in Großbritannien oder in den USA Arbeit sucht, muss erst einmal Stellenanzeigen lesen lernen“, bestätigt auch Niel Ramsey vom internationalen Sprachdienstleister Inlingua. „Sie sind oft so verklausuliert, dass selbst wer fließend Englisch spricht, sie nicht auf Anhieb deuten kann.“ Das fängt schon bei der Berufsbezeichnung an. „Der Begriff Manager kommt bei deutschen Führungskräften zwar gut an“, so Ramsey, „hinter ihm kann sich aber vom Geschäftführer über den leitenden Angestellten bis zum Sachbearbeiter alles verbergen.“ Auch wer glaubt, mit Executive ist der oberste Chef gemeint, liegt schief. „Executive ist oft nur ein anderes Wort für Manager.“

„Jobsucher sollten das Anforderungsprofil genau studieren und vor allem auf die Gehaltsangabe achten. Die ist ein wichtiges Indiz dafür, welchen Stellenwert der Arbeitgeber einem Posten einräumt und wie qualifiziert man sein muss“, erklärt Michael Rönitz, Geschäftsführer der Sprachschule Sprachcaffe in Düsseldorf.

„Berufsanfänger steigen in Großbritannien im Schnitt mit bis zu 40 Prozent niedrigeren Gehältern ein als in Deutschland“, beobachtet Martin Hofferberth, Vergütungsexperte von der Unternehmensberatung Towers Perrin. „Dafür wachsen ihre Gehälter aber weitaus schneller als hier zu Lande.“ Der Grund: Auf der Insel starten selbst Hochschulabsolventen spätestens mit Anfang 20 ins Berufsleben. Und sie erhalten auch ohne jede Berufserfahrung ihre Chance.

Hofferberths Tipp: „Wer sich für seinen ersten Job in Großbritannien oder in den USA bewirbt, sollte unbedingt seine Gehaltsvorstellung angeben und erklären, welche Kenntnisse er bereits in Praktika erworben hat.“ Wer sich für seinen Doktortitel einen Gehaltsaufschlag erhofft, wird enttäuscht. Diesen Akademikerbonus gibt es in angelsächsischen Ländern nicht.

In der Annonce ist meist eine Hausnummer für das Gehalt vorgegeben, doch beim so genannten Benefit oder Excellent Package gibt es oft noch Verhandlungsspielraum. „Die Pakete enthalten Zusatzleistungen wie private Krankenversicherung, Altersvorsorge, Firmenwagen oder auch die Mitgliedschaft für den Fitnessclub und können stark variieren“, erklärt Ian McMaster, Chefredakteur vom englischen Sprachmagazin „Business Spotlight“.

Wichtig zu wissen: Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind in britischen wie amerikanischen Unternehmen gänzlich unbekannt. Zudem sind viele Sozialleistungen nicht gesetzlich geregelt. Sobald die Bewerbung raus ist, lohnt sich der Griff zum Hörer. „Wer keine Initiative zeigt, dem wird schnell müdes Interesse unterstellt“, warnt Inlingua-Manager Ramsey.

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