Studentenzahl könnte 2-Millionen-Hürde nehmen
Hochschulen melden Rekordzugänge

Studieren ist wieder in, an den deutschen Hochschulen herrscht im eben angelaufenen Wintersemester „riesiger Andrang“, berichtet der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter Gaehtgens, dem Handelsblatt. Es herrscht ein Ansturm wie seit Ende der 80er Jahre nicht mehr: Noch sind die amtlichen Zahlen nicht komplett, aber es zeichnet sich ab, dass die vielen Anfänger die Gesamtzahl der Studenten über „die magische Schwelle von zwei Millionen“ heben, heißt es beim Statistischen Bundesamt.

BERLIN. Allein im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen haben sich knapp 69 000 junge Leute immatrikuliert – 4,6 Prozent mehr als im Herbst 2002. Bei den Fachhochschulen betrug das Plus sogar fast acht Prozent. Steile Tendenz nach oben meldet auch Bayern, wo insgesamt 6,5 Prozent mehr Studienanfänger registriert wurden. In Hessen sind es gar 9,6 Prozent.

Nach jahrelangem absolutem Rückgang hatten sich die Studentenzahlen seit 1999 zwar wieder erholt. Die aktuelle Dimension des Ansturms, auf die die vorläufigen Zahlen hinweisen, ist jedoch neu - und zugleich das beste, was dem Bildungsstandort Deutschland passieren kann. Denn hier zu Lande studieren derzeit nur 32 Prozent eines Jahrgangs und damit viel zu wenig. Im Schnitt der OECD-Länder besucht fast jeder zweite eine Hochschule, in Skandinavien, Australien oder Polen sind es 60 bis 70 Prozent. Großbritannien und USA bringen es immerhin noch auf 45 und 42 Prozent. Weil Bildung eine „Überlebensfrage“ ist, wie Bundeskanzler Schröder auf dem Bochumer SPD-Parteitag mahnte, hat die Bundesregierung zur Aufholjagd geblasen: Bis 2010 sollen auch in Deutschland wenigstens vier von zehn Abgängern eine Akademiker-Laufbahn wählen.

Bei den Jugendlichen ist die Botschaft offenbar schon angekommen. Sie drängt es vor allem in die Natur- und Ingenieurwissenschaften - ergo dorthin, wo der größte und für die Innovationskraft Deutschlands gefährlichste Mangel herrscht. Die Zahlen sind drastisch: An der Technischen Hochschule Aachen sind die Anfängerzahlen um fast 12 Prozent nach oben geschnellt. An der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, einer der größten des Landes, haben sich 14 Prozent mehr Chemiestudenten eingeschrieben als im Vorjahr, 53 % mehr in Physik und sogar 73 % mehr in Mathematik. Die massive Werbung der letzten Jahre „zahlt sich jetzt aus“, heißt es etwa im Münchner Wissenschaftsministerium.

Auch das Lehramt haben die Schüler offenbar neu entdeckt – so schrieben sich an der Johann Wolfgang Goethe-Universität fast ein Viertel mehr Studenten ein als im Vorjahr – dem negativen Lehrerimage zum Trotz. Gute Nachrichten für die Kultusminister, die händeringend nach Nachwuchs suchen und vor wenigen Tagen eine Imagekampagne für den Lehrerberuf auf den Weg brachten.

Auf die Frage nach dem Warum? geraten Ministeriale und Statistiker jedoch ins Spekulieren. Die Demografie allein erklärt nur den kleineren Teil, denn die Zahl der Schulabgänger hat in diesem und im vergangenen Jahr nur jeweils um gut anderthalb Prozent zugelegt.

Ausschlaggebend für den Run ist dagegen tatsächlich eine gestiegene „Studierneigung“, ist Christoph Heine vom Hochschul-Informations- System GmbH überzeugt, das im Auftrag von Bund und Länder arbeitet. Erstens spreche sich zunehmend herum, dass die „mittelfristigen Aussichten am Arbeitsmarkt für Akademiker sehr günstig sind“. „Nicht zu unterschätzen“ sei auch der Effekt der Bafög-Reform, die 2000 die Studenten-Unterstützung aufstockte. Schließlich trage auch die angespannte Situation am Lehrstellenmarkt dazu bei, dass die Alma Mater wieder attraktiver wird. In NRW habe vor allem die hohe Zahl der neuen Bachelor-Studiengänge die Zugkraft erhöht, heißt es in Düsseldorf.

Bisher studieren nur 70 % der Abiturienten. „Wenn wir 40 % eines Jahrgangs in die Unis holen wollen, müssen wir diesen Puffer nutzen“, wirbt HRK–Präsident Gaehtgens. Für eine „Massenuniversität sei das deutsche Hochschulsystem jedoch noch nicht fit, „katastrophal“ sei daher, dass „uns die Länder überall die Mittel kürzen“, klagt Gaehtgens, „zuletzt in Bayern um 10 %“.

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