Thema wird häufig tot geschwiegen
Wenn der Kollege klaut

Kriminalität wird zum immer größeren Problem für Unternehmen - vom Diebstahl bis zur Unterschlagung von Millionen von Euro. Bei den Betrügereien sind häufig sogar die eigenen Top-Manager beteiligt.

Der 25-jährige Buchhalter einer Baufirma leitete mehr als 5 Millionen Euro auf sein eigenes Konto um und schmälerte den operativen Gewinn seines Unternehmens damit im Jahr 2001 etwa um die Hälfte. Der Zweigstellenleiter einer Bank ließ sich aus fiktiven Darlehenskonten rund drei Jahre lang insgesamt 1,8 Millionen Euro auszahlen. Der 35-jährige EDV-Chef eines Industrieunternehmens in Hannover war mit seinem Gehalt von 4 000 Euro netto nicht zufrieden und zweigte durch fingierte Rechnungen in nur fünf Monaten 1,4 Millionen ab. Bei der US-Tochter einer Schweizer Bank wurden gleich 70 Millionen Dollar veruntreut.

Die Liste der Betrugsfälle ist lang. Hartmut Köhler, der bei der Hermes Kreditversicherungs-AG die Sparte „Vertrauensschäden“ leitet, schätzt, dass durch derartige Fälle von Veruntreuung und Unterschlagung deutschen Unternehmen jährlich rund 3 Millarden Euro verloren gehen. Sicher ist niemand: Die Dunkelziffer soll hoch sein, weil viele Unternehmen aus Imagegründen von einer Anzeige absehen.

Laut einer Umfrage von KPMG aus dem Jahr 1999 waren bei mehr als 60 Prozent der Unternehmen, die durch wirtschaftskriminelle Handlungen geschädigt wurden, auch Mitarbeiter beteiligt – häufig in Zusammenarbeit mit Externen. In knapp 30 Prozent war sogar die Managementebene dabei. Insgesamt gaben gut 60 Prozent der 1 000 befragten größten Unternehmen Deutschlands an, in den vergangenen fünf Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein – Tendenz steigend.

Loyalität Wert von gestern

Eine Umfrage von Ernst & Young von Ende 2002 unter rund 200 Unternehmen bestätigt den Trend: Bei zwei Dritteln der aufgedeckten Fälle hat ein Mitarbeiter mitgemischt, bei etwa der Hälfte waren Interne die Haupttäter. 2000 war erst ein Drittel der Fälle intern gelagert. Ernst & Young folgert: „Ethische Verpflichtung oder Loyalität gegenüber dem Unternehmen scheinen Werte von gestern zu sein.“

Die Unternehmen selbst reden nicht gern über das Thema – immer noch herrsche die Einstellung vor: „So etwas gibt es nur bei anderen“, heißt es bei Ernst & Young. Siemens wollte sich auf Anfrage gar nicht zu dem Thema äußern.

Anders die Commerzbank: „Wir sehen uns die Leute vor der Einstellung sehr genau an“, sagt Axel Partenheimer aus dem Personalbereich. Trotzdem könne es zu Betrugsfällen kommen, bei denen etwa ein Mitarbeiter sich aus dem Konto „einer 85-jährigen Kundin bediene“, aber das seien „absolute Ausnahmen“.

Größere Sorgen bereitet der Bank die Gefahr, dass sich Mitarbeiter an Geldwäsche beteiligen. Nick Tewes vom Allianz-Konzern, zu dem auch Hermes gehört, verweist auf den „Code of Conduct“, der für die gesamte Gruppe gilt. Dort sind bestimmte Vergehen wie Insider- Geschäfte oder Geldwäsche eindeutig benannt und auch die Sanktionen – im Zweifel die Kündigung – klar angesprochen. Die Mitarbeiter werden ermutigt zu melden, wenn ihnen Unregelmäßigkeiten bei Kollegen auffallen.

Unternehmen sind zum Teil selbst schuld

Versicherungsmann Köhler hat Erfahrung mit Mitarbeiterkriminalität – denn er versichert Unternehmen dagegen; die Hermes bezeichnet sich als Marktführer in einem bislang kleinen Markt; nur zu etwa 50 Millionen Euro werden die Schäden jährlich bislang von seiner Branche übernommen. Dabei gibt es zahlreiche Formen der Mitarbeiterkriminalität: Diebstahl, Betrug, Vorteilsannahme, Spionage, Erpressung, Insidergeschäfte. Nach einer Umfrage, die Hermes Mitte Juni veröffentlichen wird, sehen viele Unternehmen immer noch den Diebstahl als größtes Problem an.

Köhlers provozierende These: Die Unternehmen sind zum Teil selbst schuld daran, wenn ihre Beschäftigten Geld veruntreuen oder unterschlagen. Das Grundproblem ist aus seiner Sicht der Werteverfall. „Wenn der Arbeitgeber Werte wie Zuverlässigkeit und Loyalität nicht mehr vorlebt, dann hat das auch auf die Arbeitnehmer Auswirkungen.“ Nach seiner Erfahrung begünstigen unübersichtliche Unternehmensstrukturen, häufig durch Fusionen entstanden, ebenso wie die Ausdünnung des Managements den Betrug. Sein Rat an die Unternehmen: „Angenehmes Betriebsklima und angemessene Entlohnung beugen der Versuchung der Arbeitnehmer vor.“

Aus seiner Erfahrung und einer systematischen Auswertung von rund 9 000 Fällen seines Hauses kommt der Hermes-Mann zu einigen interessanten Thesen. Besonders gefährdet sind Banken und Versicherungen. Und als Tatwerkzeug bietet sich mehr und mehr der Computer an – „bewährt“ hat sich dabei auch die „Zusammenarbeit“ etwa von einem Buchhalter und einem EDV-Spezialisten.

Lückenloser Schutz nicht möglich

Überproportional sind Topmanager in der Riege der Kriminellen vertreten – laut Ernst & Young sitzt jeder 20. Täter in der Geschäftsleitung. Ansonsten gilt: Je jünger und je kürzer beim Unternehmen, desto größer ist das Risiko. Ausnahmen gibt es aber bei Beschäftigten, die in eine Notlage geraten oder extrem unzufrieden sind. So fingierte ein langjähriger Bankmitarbeiter Kreditkonten und bediente sich daraus, als seine Frau schwer krank wurde und eine aufwendige Behandlung benötigte. Ein anderer Kreditsachbearbeiter ging zur Selbstbedienung über, nachdem er zehn Jahre lang Vergünstigungen, die ihm bei der Einstellung versprochen worden waren, nicht bekommen hatte. Louis Wonderly von der Unternehmensberatung Paladin in München, die sich unter anderem auf Betrugsprävention spezialisiert hat, warnt sogar generell davor, dass langjährige Mitarbeiter gefährlich werden können, weil sie irgendwann alle Kontrollmechanismen kennen.

Betriebe können sich niemals völlig gegen Betrug in den eigenen Reihen schützen. Aber einige Vorsichtsmaßnahmen gibt es schon. Köhler rät zum Beispiel davon ab, neuen Mitarbeitern zu schnell unkontrollierten Zugang zu Vertrauenspositionen zu verschaffen. Er empfiehlt, bei Lücken oder krummen Ausstiegsdaten – „dahinter kann sich eine fristlose Kündigung verbergen“ – nachzufragen. Vorsicht sei außerdem bei Mitarbeitern angebracht, deren Lebensstil offensichtlich nicht zum Gehalt passt.

Wonderly nennt als wichtigste Regel, die Unternehmen sollten ganz klar kommunizieren, dass Mitarbeiter mit juristischen Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie sich am Unternehmensvermögen vergreifen. „Häufig lässt man die Sache auf sich beruhen, wenn das Geld zurückgezahlt wird“, sagt er. Das halte er aber für falsch.

Vor allem bei größeren Unternehmen, die häufiger Unregelmäßigkeiten beobachten, könne ein anonymes Telefon der richtige Weg sein. Es sollte aber direkt zu einem externen Anwalt geschaltet sein,um den Verfahren eine größere Objektivität zu geben.

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