Themenwechsel spielt den Ball zurück
Die Rettung namens „apropos“

Aus Versehen beleidigt – wie man am besten auf Flegeleien reagiert Möchten auch Sie eine Benimm-Frage geklärt haben? Schreiben Sie Gabriele Schlegel! Fragen und Antworten dokumentieren wir  hier .

Mir stockte der Atem. Hatte ich richtig gehört? "Also Sie müssen mir zuerst einmal erklären, wie Sie mit dem Zölibat zurecht kommen." Alle hatten diese indiskreten Frage bei dem Geschäftsessen mir zehn Leuten gehört - und ich war die Gastgeberin. Der so Befragte war ein Priester und Ethikberater für Unternehmen. Ausgesprochen hatte diese allzu neugierige Aufforderung eine schwäbische Unternehmerin. Alle schwiegen betreten, Grabesstille. Doch der Priester, ganz Profi, lenkte einfach ab: "Das mache ich gerne später, aber lassen Sie uns erst mal essen." Um nie mehr auf darauf zurückzukommen.

Die Situation ist typisch: Jemand wird plump angegangen oder mehr versehentlich beleidigt. Ich selbst reagiere mit ähnlichen Varianten wie der Priester. Sagt mir jemand vertrauensselig, wie kürzlich ein Top-Manager eines Großkonzerns: "Sie haben schon eine 27-jährige Tochter? Man hat Sie wohl auf der Schulbank geschwängert, gnädige Frau!" (O-Ton!), dann ist die einzige Devise Themenwechsel, aber ganz flott. Hauptsache, die Äußerung nicht annehmen oder gar aufgreifen. Ernst nehmen ja, nicht ignorieren - sonst wiederholt derjenige die Äußerung am Ende noch und umso lauter -, aber nicht inhaltlich darauf eingehen. Der einfachste Hebel - außer dem Ablenken - ist das Zauberwort: "Apropos". Apropos Schulbank, wo sind Sie eigentlich aufgewachsen? Apropos Tochter, meine hat gerade eine Stelle bei Firma Wunderbar angetreten. Kennen Sie die? Und schwups - ist der Ball zurückgespielt.

Vor derlei unbewussten Verletzungen ist niemand gefeit. Jeder muss sie mal einstecken. Jeder kann selbst in ein Fettnäpfchen treten, auch der Hochrangigste. Ich empfehle diese Sätze, um die Situation zu retten: "Das klingt interessant" oder "Das ist eine neue Betrachtungsweise". Und dann sofort Themenwechsel, sei es das Essen oder das nächste Wochenende. Tun Sie nur eins nicht: Den Ausrutscher persönlich nehmen, kontern oder auf demselben Niveau parieren.

Dasselbe gilt für überhebliche Äußerungen. Die sind eine echte Prüfung und ungleich schlimmer als bloße Fettnäpfchen. Passiert ist dies: Auf einer Medienparty hatte eine Schwangere schon drei Stunden gestanden und dann einen Herrn auch einem Sofa gefragt, ob sie sich neben ihn setzen dürfe. Sie könne nicht mehr stehen. Sein Kommentar: "Man muss eben auf seine Ernährung achten." Sie tat das einzig richtige: Sie sagte, sie sei schwanger - und ignorierte die Beleidigung.

Aber endlos brauchen Sie nicht Contenance wahren: Wer die Grenze erreicht, dem brauchen Sie nicht antworten, sondern können den Flegel demonstrativ stehen lassen und sich nonchalant einem anderen Gast zuwenden.

Darf ich in Meetings mein Gegenüber unterbrechen? Wen muss ich im Mailverkehr auf "cc" setzen, wenn ich ein neues Projekt angehe? Unsere Business-Behaviour-Expertin Gabriele Schlegel antwortet auf Ihre ganz persönlichen Fragen und gibt Tipps - schreiben Sie ihr:  hb.behaviour@vhb.de.

Die Fragen und Antworten sind nachzulesen unter  www.handelsblatt.com/behaviour.

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