Überleben im Büro
Unter Haien

Eine Situation, die viele von Ihnen aus eigener Erfahrung kennen dürften: Blender und Bürokraten, Choleriker und Intriganten machen das Leben im Büro zur Hölle. Überall lauern Fallgruben, Kollegen oder der Chef rauben einem die Freude an der Arbeit.
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DÜSSELDORF. Sagen wir, wie es ist: Nichts kann einem die Freude an der Arbeit mehr versauen als andere Menschen. Jeden Montagmorgen schleppen sich Millionen Arbeitnehmer in ihre Büros, schauen drein, als wäre ihnen gerade die Kaffeemaschine auf den Zeh gefallen und sehen im Geiste bereits an der Firmenpforte eine Höllenwoche vor sich mit dem cholerischen Chef, dem altklugen Abteilungsleiter und dem völlig gestörten Egomanen am Schreibtisch gegenüber.

Da ist zum Beispiel Stefanie R., 33. Sie teilt sich ihr Berliner Agenturbüro mit einer Kollegin. Die beiden freunden sich an. Stefanie redet über ihre Arbeit, ihre Freunde, ihr Privatleben, die Kollegin hört interessiert zu. Als drei Monate später eine Stelle ausgeschrieben wird, die perfekt zu ihr passt, wird Stefanie nicht einmal gefragt. Stattdessen bekommt die Kollegin den Job. "Erst später habe ich erfahren, dass sie sämtliche Informationen aus unseren Gesprächen beim Chef gegen mich verwendet hat."

Andreas M. aus Frankfurt am Main ergeht es nicht viel besser. Seit fünf Jahren arbeitet der 42-jährige Informatiker in der Bank - zufrieden, bis es einen Managementwechsel gibt. Der neue Chef schikaniert ihn, blafft ihn öffentlich an. Die Kollegen beginnen ihn auf einmal zu mobben. Andreas M. erträgt es mit Fassung. Dann wird er versetzt: allein in ein leerstehendes Bürohaus am Stadtrand. Er sitzt isoliert in der ersten Etage. Sein Arbeitsplatz besteht aus einem Schreibtisch, einem Stuhl, einer Lampe, einem Computer. Sporadisch kommt jemand vorbei, um zu kontrollieren, ob er auch wirklich dort arbeitet. Andreas M. zieht vor Gericht - und gewinnt. Ein Pyrrhussieg. Als er zurück in die Zentrale darf, setzt man ihn in ein Büro im Keller. "Da wusste ich, ich habe keine Chance", sagt M. und kündigt.

So weit ist Christina B. aus Krefeld noch nicht. Ihr Fall: Genau zwei Wochen nachdem die 28-Jährige ihren neuen Job antritt, spricht sie ein Kollege an. Er ist Abteilungsleiter, aber nicht ihr Chef. Sie plaudern nett miteinander, dann schlägt er vor, dass sie gemeinsam ein Projekt realisieren. "Wir mailten sehr oft, gingen regelmäßig Mittagessen", sagt Christina B. Soweit normal. Dann gesteht er ihr seine Liebe. "Ich sagte ihm sehr deutlich, dass ich in einer Beziehung lebe, ihn nett finde - aber mehr nicht." Vergeblich. Der Mann bleibt hartnäckig, bombardiert sie mit E-Mails, Postkarten, SMS, sogar Blumen, sogar zu Hause. In der Kaffeeküche bedrängt der Liebeskranke sein Opfer mit Anzüglichkeiten wie: "Wart’s ab, in zwei Jahren sind wir eh zusammen." Oder: "Du wirst schon sehen: Ich bin der Richtige für dich!" So geht das wochenlang. Bis Christina B. allen Mut zusammennimmt, zu ihrem Vorgesetzten geht und um Versetzung bittet. Seitdem ist sie bei beiden unten durch.

Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in einem Büro. Acht Stunden täglich, mindestens. Ihr Arbeitsplatz ist für sie nicht nur ein gewichtiger Lebensraum, sondern zugleich ein Krisengebiet, das ihr Verhalten, ihre Psyche und sogar die Gesundheit entscheidend beeinflusst. Büros gleichen einem kleinen Gemeinwesen mit eigener Kultur, eigenen, meist ungeschriebenen Regeln und Ritualen. Aber auch jede Menge Fallgruben und Konfliktfelder lauern zwischen Konferenzraum und Korridor, zwischen Kaffeeküche und Kopierer. Die meisten Büroarbeiter verbringen mehr Zeit, reden mehr mit ihren Kollegen als mit ihrer Familie, kennen die Belegschaft besser als ihre Nachbarn und sind den Launen und Marotten der Kollegen, ihrer Missgunst und ihren Intrigen dennoch ungeschützter ausgeliefert. Seinen Lebenspartner kann man sich schließlich aussuchen, seinen Beruf wählen - die Kollegen nicht. Hier gilt: all inclusive.

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