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Unternehmenswahl: Der Faktor Verantwortung zählt

Tut das Unternehmen tatsächlich Gutes, oder spricht es lieber nur darüber? Die Frage stellen sich immer mehr junge Menschen, bevor sie ihre Bewerbung abschicken. Die Stellen sind rar: Dennoch suchen viele Bewerber in der Krise nach Unternehmen, die sich gesellschaftlich engagieren.

Bewerber schauen sich ihren Wunscharbeitgeber genau an. Kinderarbeit und eine umweltbelastende Produktion sind für viele inakzeptabel. Quelle: Reuters
Bewerber schauen sich ihren Wunscharbeitgeber genau an. Kinderarbeit und eine umweltbelastende Produktion sind für viele inakzeptabel. Quelle: Reuters

DÜSSELDORF. Sie möchten wissen, ob der Arbeitgeber, für den sie vielleicht in Zukunft im Einsatz sein werden, unternehmerisch handelt und dabei freiwillig Verantwortung übernimmt: für Mensch und Umwelt, für die Gesellschaft.

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Corporate Social Responsibility (CSR), Corporate Responsibility (CR) oder Corporate Citizenship wird der Faktor genannt, der laut Umfragen der Meinungsforscher Universum und Trendence bei der Beurteilung der Attraktivität eines Arbeitgebers eine immer größere Rolle spielt - und zwar nicht erst seit Ausbruch der Wirtschaftskrise, die den Glauben in den Kapitalismus und den freien Markt erschüttert hat.

"Wir beobachten schon seit einigen Jahren, dass die Generation Y - also die Mitt- und Endzwanziger - darauf Wert legt, dass sich der ideale Arbeitgeber im Bereich CSR engagiert", sagt Axel Keulertz, Research Director beim Meinungsforscher Universum. Die Generation Y ist die erste, die mit Internet und E-Mail aufgewachsen ist. Sie ist mobiler, flexibler und für den Chef stets greifbar. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen. "Wenn ich mich für meinen Arbeitgeber derart stark einsetze, dann muss ich mich mit ihm identifizieren können; die Wertvorstellungen müssen übereinstimmen. Der Trend geht also auf eine Art Kulturwandel zurück."

In einer aktuellen Universum-Umfrage unter 19 195 Studenten auf der ganzen Welt verbinden 71 Prozent der Geisteswissenschaftler "ein hohes Level an sozialer Verantwortung" mit dem Wunscharbeitgeber. Bei den Naturwissenschaftlern sind es 50 Prozent und bei den Ingenieuren, Betriebs- und Volkswirten 41 Prozent. Das sind zumindest bei der letzten Gruppe drei Prozent mehr als im Vorjahr. "Dieser Trend zeigt sich in der Krise natürlich noch einmal verstärkt", erklärt Axel Keulertz. "Gerade weil die eigene Zukunft so unsicher ist, haben viele Absolventen stärker als früher das Bedürfnis nach einem Gegenpol. Es gibt Hoffnung, wenn ein Unternehmen bereit ist, sich trotz Kosteneinsparungen weiter zu engagieren."

Zu den Top 10 der Arbeitgeber, denen die Befragten am meisten soziale Verantwortung zutrauen, gehören 2009 vor allem solche, deren Produkte und Dienstleistungen an sich bereits Pflichtgefühl erkennen lassen: So etwa die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und das Auswärtige Amt. Es folgen aber auch Unternehmen wie der Autozulieferer Bosch, der Versandhandel Otto und der Mischkonzern Haniel.

Der Meinungsforscher Trendence, der jährlich das "Deutsche Absolventenbarometer" veröffentlicht, hat dieses Jahr angesichts der wachsenden Bedeutung des Themas sogar eine zusätzliche Frage zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen in den Katalog aufgenommen. Die Ergebnisse zeigen: Von 9159 deutschen Wirtschaftsstudenten, die kurz vor dem Abschluss stehen, hat für knapp ein Drittel das CSR-Engagement eines potenziellen Arbeitgebers großes Gewicht bei der Überlegung: Bewerbung ja oder nein? "Angesichts dessen, dass wir sogar nach einem ,starken? Einfluss auf die Entscheidung, sich zu bewerben, gefragt haben, ist das sehr viel", sagt Trendence-Geschäftsführer Holger Koch. "Leider haben wir noch keine Vergleichszahlen. Wir werden also erst 2010 sehen, ob es sich tatsächlich um einen Trend handelt." Koch ergänzt jedoch, dass Faktoren wie Aufgabenfeld, Aufstiegschancen, Kollegialität und Gehalt nach wie vor mehr Gewicht haben.

Trotzdem schreibt Koch der Wohltätigkeit eine bedeutende Rolle zu. "Manchen Studenten fällt es schwer, Unternehmen, die sie für ähnlich attraktiv halten, gegeneinander abzugrenzen. CSR-Engagement kann hier das Zünglein an der Waage sein."

Und ein weiteres Ergebnis findet er erstaunlich: Bei der Aussage "Ethisch-moralische Gründe spielen bei meiner Arbeitgeberwahl eine wichtige Rolle" kreuzten mehr als 46 Prozent "trifft zu" an. 2008 waren es 44 Prozent. "Im Kampf um freie Stellen hätten wir vermutet, dass viele Studenten in diesem Jahr eher bereit sind, Kompromisse einzugehen und etwa für Öl- oder Tabakkonzerne zu arbeiten. Aber ,Erst kommt das Fressen, dann die Moral?, um es mit Brecht zu sagen, gilt hier nicht", so Koch. "Trotz der Krise werden längst nicht alle Grundsätze über Bord geworfen."

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Und Andreas Suchanek, Professor am Lehrstuhl Sustainability und Global Ethics der Handelshochschule Leipzig, fordert sogar ein wenig Nachsicht: "Es sollte nicht zu viel von den Unternehmen erwartet werden. Es ist wie bei den Menschen: Es gibt keinen perfekten Arbeitgeber ohne Fehler - das wäre nicht von dieser Welt."

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