Verzicht statt Kampf um Urlaub
Arbeitnehmer lassen Millionen Urlaubstage verfallen

In vielen Fällen wird alle Jahre wieder erbittert um die Vereinbarkeit von Urlaubswünschen der Belegschaft gerungen. Aus Angst um den Arbeitsplatz ist zugleich in immer mehr Betrieben lieber Verzicht statt Kampf angesagt.

FRANKFURT. "Der Trend, zugesagte Urlaubsansprüche freiwillig nicht einzulösen, ist da", berichtet Arbeitsrechtler Michael Henn von der Deutschen Anwalts- und Steuerberatervereinigung für die mittelständische Wirtschaft aus seiner täglichen Erfahrung.

Insgesamt über 75 Millionen Urlaubstage ließen die gut 34 Millionen Beschäftigten in Deutschland nach Einschätzung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung allein im vergangenen Jahr verfallen. Umgerechnet bedeutet das: Im Schnitt ließ jeder Beschäftigte 2,2 Urlaubstage verfallen.

"Die Bereitschaft, auf vertraglich garantierte Erholung zu verzichten, ist gestiegen", sagt auch Hartmut Seifert, Leiter des WSI. Hauptgrund für die oft selbst auferlegte Zurückhaltung sei Furcht um den Job. "Ein Abwärtstrend vergleichbar mit dem beim Krankenstand in Deutschland", meint der Stuttgarter Jurist Henn.

Führungskräfte verzichten öfter auf Urlaub

Ähnliches scheint sich auch bei der neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) herauszukristallisieren: Nach bislang vorläufigen Erkenntnissen haben 2004 über fünf Prozent der Arbeitnehmer Urlaub aus dem Vorjahr endgültig verfallen lassen, wie Gert Wagner, DIW-Forschungsdirektor in Berlin, erläutert. Im Schnitt entspreche das weit mehr als nur zwei Tagen. Und ein Drittel habe seinen Resturlaub von 2004 auf 2005 übertragen. "Aber davon wird dann auch wieder welcher verfallen", betont Wagner.

Verzicht hängt nach Auffassung der Experten auch mit dem Unternehmen zusammen: Je größer der Betrieb, desto kleiner die Neigung, bezahlte Freizeit unter den Tisch fallen zu lassen. Außerdem: Je höher die Position, desto mehr Urlaub wird sausen gelassen.

Dabei kann man rein rechtlich gesehen gar nicht offiziell auf Urlaub verzichten. Am gesetzlich verankerten Mindestanspruch von 24 Werktagen Erholungsurlaub pro Kalenderjahr und Arbeitnehmer (ohne Sonn- und Feiertage) gibt es nichts zu rütteln, wie DGB-Arbeitsrechtlerin Martina Perreng betont. Dafür sorgt das Bundesurlaubsgesetz. Die garantiert bezahlte Freizeit gilt es zu nehmen.

Hat man das Glück, durch Tarifverträge oder frei ausgehandelte Einzelverträge mehr als 24 Werktage zu bekommen, dann ist das Urlaubsplus für den Beschäftigten frei verfügbar. "Ein Arbeitnehmer kann aus eigenem Antrieb aus seinen 30 nur 27 Urlaubstage machen", erläutert Fachanwalt Henn aus Stuttgart. Ein förmlicher Verzicht sei nicht nötig. Die ungenutzten Resttage verfallen. Der Verzicht wird vom Arbeitgeber in der Regel gern akzeptiert. "Es gibt keinen Chef, der seine Leute zwangsweise in Urlaub schickt", ist auch Perreng überzeugt.

"Je schwieriger die Arbeitsmarkt- oder Firmenlage, desto eher sind die Beschäftigten bereit, freiwillig für die vermeintliche Jobsicherheit länger zu arbeiten", so das Fazit Seiferts nach einer repräsentativen Befragung von Betriebsräten. Er ist sicher: "Urlaubszeit ist den Leuten weniger wert als das Gehalt auf dem Konto."

Link:
Das Mindesturlaubsgesetz für Arbeitnehmer:
»dejure.org/gesetze/BUrlG

Quelle: NEWS Frankfurt

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