Wer wenig Zeit hat, solle sich daher genau überlegen, wofür er Chinesisch brauche, rät Manfred Frühauf. Sein Institut wagte in den 80er-Jahren die Revolution und begann, gesprochenes Chinesisch ohne Schrift zu lehren. Heute ist das LSI die erste Anlaufstelle für Menschen auf dem Sprung nach China. Es heißt, drei Wochen in Bochum kämen drei Semestern an so mancher Uni gleich. Wer für eine große Firma nach China geht, verhandele dort auf Englisch und verwende seine spärliche Zeit besser für die gesprochene Sprache, rät Frühauf. Wer aber bei einem mittelständischen oder chinesischen Unternehmen arbeiten will, braucht die Schrift.
Das weiß auch Jessica Efevberha. Die deutsche Studentin ist sprachgewandt, ihr Vater stammt aus Nigeria. Seit Herbst lernt sie an Schanghais renommierter Tongji-Universität. Pro Tag hat sie vier Stunden Unterricht, in ihrer Freizeit büffelt sie weitere drei Stunden. "90 Prozent meiner Zeit verbringe ich mit dem Wiederholen von Schriftzeichen. Leider sind mir die Eselsbrücken schon lange ausgegangen." Nach ihrem ersten Jahr will sie die HSK-Prüfung machen, das Gegenstück zum Englischtest Toefl. Doch im Gegensatz zum Toefl ist der HSK-Test noch nicht soetabliert.
Immerhin: Das Lernen der Schrift ist durch Computer und Handys einfacher geworden. Wenn Chinesen eine SMS verschicken, geben sie die Lautschrift Pinyin ein und wählen aus einer Liste vorgeschlagener Schriftzeichen aus. "Der Computer hat die chinesische Schrift gerettet", sagt Frühauf. Eine Herausforderung bleibt sie trotzdem.
Das spürt auch Dogukan Isik. Der 26-jährige Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters bereitet sich in Hannover auf sein Jura-Examen vor. 2003 machte er einen Chinesisch-Kurs, doch bei einer China-Reise verstand ihn keiner. Seit 2005 lernt er chinesische Modewörter mit Podcasts und der Internet-Sprachschule Chinesepod. "Wenn man die Aussprache beherrscht, kann man alleine mit Podcasts Chinesisch lernen", hat er festgestellt. "Als ich 2006 nach Nanjing kam, waren alle begeistert von meinem Vokabular."
Isik kann sich vorstellen, später in China eine Kanzlei zu eröffnen. Wirtschaftsinformatiker Wanja Halmschlag hofft, dass er sich durch seine China-Erfahrung bei der Arbeitssuche von Mitbewerbern abhebt. Jessica Efevberha will mit den Menschen einer völlig anderen Kultur kommunizieren. Britta Heidemann jobbt neben ihrem Studium als Projektmanagerin in der Strategieberatung von Rudolf Scharping, die deutsche Firmen unterstützt, die in China investieren wollen. "In meiner Branche werde ich wohl eher mit chinesischen Unternehmen zusammenarbeiten, in denen Englisch keine Selbstverständlichkeit ist", glaubt Heidemann. "Da brauche ich die Sprache."
So unterschiedlich die Motive sind, eins steht fest: "Die ersten Leute, die modernes Chinesisch gelernt haben, kommen jetzt an die Jobs", sagt Markus Taube. "Seit ungefähr fünf Jahren gibt es Menschen, die exzellent Chinesisch sprechen", ergänzt Manfred Frühauf und warnt: "Man sollte nicht warten, bis der Zug abgefahren ist."