Wirtschaftsshow soll Zuschauer vor den Fernseher locken
Assessment-Center für Millionen

Da eilen sie zum Assessment-Center, die hoffenden Bewerber. Vier Männer sind es, leichter Cowboy-Gang im Schritt, ganz Meister ihrer selbst. Und vier Frauen, untergehakt und kichernd. Es ist wie Junggesellinnenabschied im Powershopping-Modus, so trippeln sie über den Platz vor dem Leipziger Gewandhaus.

LEIPZIG. Alle acht Kandidaten tragen das, was die Modeleute „Sportswear“ getauft haben: Die Hosen schleifen dezent übers graue Pflaster, die Turnschuhe sehen aus wie Jahrgang 1974. Vier Kameras umkreisen die Gruppe. Aus dem, was da vor dem Gewandhaus passiert, soll Fernsehunterhaltung werden. Einer der acht wird in zwei Monaten einen neuen Job haben, bis zu 300 000 Euro Jahresgehalt, Dienstwagen und Assistent inklusive – als Kreativdirektor für die neue Firma von Star-Produzent John de Mol. Die acht gehören zu „Hire or Fire“, der Wirtschaftsshow, dem Pro-Sieben-Hoffnungsträger der Herbstsaison.

Im Fernsehen wurde schon vieles gekürt in letzter Zeit: Partner fürs Leben, neue Millionäre, absurde Weltrekordler. Vor den Kameras des Reality-TV tauschten Männer ihre Frauen, machten junge Damen mit Model-Optik Angehörige glauben, sie hätten sich in einen ungehobelten Fettwanst verknallt. Doch eine Show über Nachwuchsmanager?

„Hire or Fire“ könnte zum Trendsetter werden, denn vom 26. Oktober an gibt es schwergewichtige Konkurrenz bei RTL: Dann sortiert Ex-Fußballmanager Reiner „Calli“ Calmund als „Big Boss“ Kandidaten aus. Bei ihm geht es um 250 000 Euro Startkapital für das eigene Unternehmen oder einen noch unkonkreten Job in einem Unternehmen.

Callis Vorteil: „Big Boss“ ist das lizenzierte Gegenstück zu der Sendung, mit der die Welle begann: „The Apprentice“ (Der Lehrling), die Sendung, die Selfmade-Milliardär Donald Trump zum TV-Star machte. Die Sendung, die renommierten Management-Professoren Lob entlockte. Und die Sendung, die für das Fernsehen verloren geglaubte, gebildete und gut verdienende Zuschauer zurückholte. Im Durchschnitt 20,7 Millionen Amerikaner sahen die erste Staffel – die am fünftmeisten gesehene Show im US-Fernsehen.

In Uni-Wohnheimen wurde zu „Apprentice“-Partys geladen, in Wirtschaftsmetropolen füllten sich die Bars rund um Banken während der Sendungen – Reality-Fernsehen erschloss sich eine Zielgruppe, die Voyeur-TV zuvor verabscheute. „Von meinen Gesprächen mit Studenten weiß ich, dass sie quer über die Universität die Show sehen. Und sie bringen Themen daraus in die Hörsäle“, berichtet Patrick Harker, Management-Professor und Dekan der MBA-Fakultät Wharton an der Pennsylvania University. Eugene Muscat, ManagementProfessor an der Universität San Francisco, erkennt Lehrreiches: „Da wird jahrelange Erfahrung komprimiert auf wenige Wochen, das ist wie eine Simulation des täglichen Lebens im Unternehmen.“

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