28.04.2008

Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“: Grenzerfahrung

Hu Shuli ist Chefredakteurin des unabhängigen Wirtschaftsmagazins „Caijing“. Geschickt meistert sie den Spagat zwischen Meinungsfreiheit und Partei-Interessen.

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Hu Shuli in den Redaktionsräumen des Wirtschaftsmagazins "Caijing": "Meist ist die Kontrolle nicht so offensichtlich. Manchmal legt man uns nahe, bestimmte Dinge nicht anzugehen." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Hu Shuli in den Redaktionsräumen des Wirtschaftsmagazins "Caijing": "Meist ist die Kontrolle nicht so offensichtlich. Manchmal legt man uns nahe, bestimmte Dinge nicht anzugehen." Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Eine Frühlingsnacht in Peking. Der Wind heult um die Häuser, wirbelt Staub und Sand durch die Luft. In einem provisorischen Büro im vierten Stock eines Schulgebäudes sitzt die Journalistin Hu Shuli mit vier Kollegen zusammen. Sie lassen sich von dem Sturm draußen nicht ablenken.

Seit Stunden basteln sie an einer kleinen Revolution. Gestalten Seiten, begutachten Überschriften, diskutieren Titelbilder. Erst gegen Mitternacht sind sie fertig. Erschöpft, aber zufrieden lehnt sich Hu Shuli zurück. Sie ist ihrem Traum, in China „richtigen Journalismus“ zu machen, ein Stück näher gekommen. Die erste Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Caijing“ ist fertig.

Es ist ein denkwürdiger Moment, der sich in der Nacht zum 31. März 1998 abspielt. Es ist die Geburtsstunde des investigativen Journalismus in China. So etwas hat die Volksrepublik noch nicht gesehen: ein Nachrichtenmagazin, das unabhängig, kritisch und exklusiv über Manipulationen und Betrugsfälle an Chinas damals noch jungen Börsen berichtet. Das erste Heft „schlägt ein wie eine Bombe“, erinnert sich Hu.

In der Titelgeschichte geht es um eine Firma, die ihre Bilanzen fälschte und Aktienpreise in die Höhe trieb. Ein Jahr lang hat die Börsenaufsicht versucht, den Skandal zu verschweigen. Das neue Magazin bringt die Geschichte trotzdem – und macht sich sofort Feinde. „Um ein Haar wäre ,Caijing' gleich wieder verboten worden“, schmunzelt die 55-Jährige.

Heute, zehn Jahre nach der Gründung, ist „Caijing“ – der Name bedeutet „Finanzen und Wirtschaft“ – aus der chinesischen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken. Das Magazin erscheint alle zwei Wochen und hat eine Auflage von 220 000 Exemplaren. Unter den Wirtschaftstiteln in der Volksrepublik hat es das größte Renommee, und Hu Shuli gilt als die mächtigste Chefredakteurin.

In einem Land, wo der Staat die Medien bis heute streng zensiert, hat es die Frau geschafft, die Spielräume für Journalisten zu erweitern. Bewusst hat sie sich dafür den Finanz- und Wirtschaftsjournalismus ausgesucht. Liegt es doch im Interesse Chinas, in diesem Bereich mehr Transparenz und Offenheit zuzulassen, um den Kapitalmarkt zu stärken.

Hu hatte auch früh eine Möglichkeit gefunden, den staatlichen Zensor elegant ins Leere laufen zu lassen. So sollte ein ehemaliger Redakteur der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua das Magazin prüfen – um sicherzustellen, dass „Caijing“ nicht über Probleme berichtet, die die Partei lieber übergehen möchte. Hu sorgte dafür, dass es in jeder Ausgabe eine politische Geschichte gab, an der sich dieser Mann abarbeiten konnte. Kontroverse Wirtschaftsthemen kamen unterdessen unbemerkt ins Blatt.

Heute sei die Kontrolle nicht mehr so offensichtlich, sagt Hu. „Manchmal legt man uns nahe, bestimmte Dinge nicht anzugehen.“ Doch mit der Zeit ändern die Zensoren auch ihre Meinung oder verlieren die Themen aus dem Blick: „Manchmal kann man genau dasselbe Thema später veröffentlichen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2:Frau Hus Gefühl für die Grenze

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