Terrorismus im Nordkaukasus: „Dann läuten die Glocken von Boston für uns”

Terrorismus im Nordkaukasus
„Dann läuten die Glocken von Boston für uns”

Die Bombenattentäter von Boston stammen aus Tschetschenien. Die Furcht vor radikalisierten Einzeltätern wächst. Ein Ziel des islamistischen Terrors im Nordkaukasus bietet sich 2014 an – die Olympischen Spiele in Sotschi.
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Der Bombenanschlag in Boston lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Thema, das in den letzten Jahren aus der Berichterstattung verschwunden ist: Tschetschenien, das Land, aus dem die Attentäter stammen. Vieles spricht zurzeit dafür, dass es sich bei den Brüdern Tamerlan und Dschohar Zarnajew um Einzeltäter handelt. Bei dem älteren Bruder Tamerlan, der offenbar der Initiator des Terroranschlags war, gibt es Hinweise auf Reisen in den Nordkaukasus, bei denen er sich islamistisch radikalisiert haben könnte.

Einen eindeutigen Hinweis auf Hintermänner aus der Region gibt es nicht. Ein Blick in den Nordkaukasus zeigt, dass sich islamistische Gewalttaten dort in den letzten Jahren auf die Region und Russland beschränkt haben.

Zwei Kriege in Tschetschenien stehen für die schlimmsten Gewaltereignisse im ehemals sowjetischen Raum, noch weit vor dem Bürgerkrieg in Tadschikistan und den Sezessionskriegen im Südkaukasus. Der erste Krieg von 1994 bis 96 richtete sich aus russischer Sicht gegen militante Separatisten. Diese tschetschenische Sezession war von nationalen, kaum von religiösen Motiven bestimmt.

Doch schon am ersten Krieg beteiligten sich Mujahedin aus arabischen Ländern und bekundeten islamische Solidarität mit der Sezessionsbewegung. Nach dem Waffenstillstand und in einer kurzen chaotischen Periode faktischer Unabhängigkeit Tschetscheniens begann im bewaffneten Untergrund ein Prozess ideologischer Transformation – mit dem Ergebnis eines transethnischen regionalen Jihad im Nordkaukasus.

Der zweite Krieg wurde im Jahr 2000 vom neuen russischen Präsidenten Putin zum Kampf gegen den internationalen islamistischen Terrorismus deklariert. 2007 besiegelte der letzte tschetschenische Untergrundpräsident Doku Umarow die ideologische Transformation und geografische Ausweitung des Widerstands mit der Ausrufung eines Kaukasus-Emirats, das mit seiner Jihad-Agenda über Tschetschenien hinaus reichte. Damit wurde Tschetschenien, mit dem der Nordkaukasus fünfzehn Jahre lang gleichgesetzt worden war, nicht mehr als das Epizentrum von Gewalt und Aufstand in der Region wahrgenommen und verschwand weitestgehend aus der Berichterstattung. 2009 hob Moskau den zehn Jahre zuvor über die Republik verhängten Sonderstatus als Zone der Terrorismusbekämpfung auf.

Unter der autokratischen Herrschaft seines jungen Präsidenten Ramsan Kadyrow vollzog sich in der Republik ein Prozess des Wiederaufbaus. Von einigen russischen Kommentatoren wurde dem jungen Autokraten bescheinigt, eine effektivere Sezession Tschetscheniens aus russischer Oberherrschaft vollzogen zu haben, als es militanten Separatisten je gelungen wäre. Während er pathetisch Loyalität gegenüber dem Kreml bekundet und in Grosny Putin-Ikonen ausstellt, macht der Gewaltherrscher ganz und gar sein eigenes Ding. Dazu gehört eine eigenwillige Kulturpolitik, mit der er seinen Gegnern im islamistischen Untergrund den Wind aus den Segeln nehmen will.

Während in anderen Teilen Russlands und des GUS-Raums Verschleierungs-Verbote gelten, schreibt Kadyrow Frauen unter der Parole „Zurück zur Tradition“ in der Öffentlichkeit islamische Bekleidung vor. Dabei entsprechen solche Maßnahmen eher der salafistischen Sittenstrenge des Gegners als den kaukasischen oder tschetschenischen Traditionen, die der ideologischen Position dieses Gegners entgegengesetzt werden sollen.

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Regionaler Jihad ist woanders stärker

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  • Die Familie Zarnajew aus Tetschenien erhält in den USA Asyl wegen der Verfolgung und Gewalt in Russland. Als Dank töten und verletzen die Söhne unschuldige Zivilisten (überwiegend Familien mit Kindern). Pfui Teufel, was für ein Gesindel!

  • Zu dem Anschlag in Boston gibt es mehr als nur eine Hand voll von eklatanten Fehlern in der offiziellen Berichterstattung, wieso?

    http://www.youtube.com/watch?feature=player_profilepage&v=vTYJ5Yi-1kk

    Ob Verschwörungstheorie oder nicht, stellt sich bei den präsentierten Beweisen nicht ...

  • Erst die totale Überwachung, die elektronische Fussfessel für das Volk, schützt uns zu 100% von Einzeltätern und kleinen Gruppen.

    Wollen wir so etwas ?

    Wozu ?

    Die Bedrohung durch Tabak, Alkohol, Verkehrsunfälle usw., die sowieso mehr als 10,000 mal so groß ist wie die durch den Terrorismus, würde bleiben.

    Die einzige effektive Bekämpfung vom Terrorismus liegt in den Händen der Medien.

    Würden diese eine der tatsächlichen Bedrohung abgemessene Reportage bringen, gäbe es keinen Terrorismus !

    Heute starben rund 300 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens, das lässt die Medien kalt.

    Was haben uns da ein paar Tote im Jahr wegen einer Bombe zu interessieren ?

    Rational betrachtet nichts !

    Die Medien betreiben in diesem Sinne Beihilfe zu einer Straftat, denn sie schaffen erst die Platform auf der sich diese Mörder entfalten können.

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