Arabische Welt
Glaube als Instrument des Machtkampfes

Der Kampf von El Kaida hat eigentlich nichts mit Religion zu tun - es geht um die nackte Macht im Reich des Halbmonds. Gastautor Josef Joffe fordert, die liberalen Kräfte in der muslimischen Welt zu unterstützten.

Der Kampf der Kulturen, den El Kaida und muslimische Extremisten jetzt wieder inszeniert haben, wird nicht der letzte sein. Es war auch nicht die erste Schlacht. Erinnern wir uns an Khomeinis Todesfatwa gegen Salman Rushdie, an die gut organisierte Gewalt gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen. Denn der wahre Glaube ist die schärfste Waffe im Machtkampf. Im Namen Jesu konnten die Päpste die Christenheit für die Kreuzzüge mobilisieren. Unter der grünen Flagge des Propheten sind die Araber 732 bis Tours und Poitiers, die Türken gleich zweimal - 1529 und 1683 - bis Wien vorgestoßen.

Glaube und Gewalt geben ein prächtiges Paar ab - bis heute. Das jüngste Kapitel, der Angriff auf US-Einrichtungen in Kairo und Bengasi, war voraussagbar, obwohl „Time-Magazine“, vorschnell wie die Medien gern sind, vor zwei Wochen verkündet hatte: „The End of Al-Qaeda“. Richtig daran war, dass die Terrorbrigaden immer wieder militärisch geschlagen werden. Leider - oder gerade deswegen - haben sie in Kairo und Bengasi eine neue Front aufgemacht. Die Waffe ist die Masse, der Zweck nur vordergründig Rache für religiöse Schmähung. In Wahrheit geht es um die nackte Macht im Reiche des Halbmonds, das sich holpernd zu demokratisieren versucht.

Die Strategie ist die klassische des Terrorismus: Je schlimmer für die, desto besser für uns. Wir marschieren gegen Botschaften, tatsächlich aber gegen die neuen Regime. Wir sind die wahren Hüter des Glaubens, Morsi und Kollegen bloß Islamismus-lite. Nehmt das Original, nicht die blasse Kopie. Das ist die uralte Logik des Terrors: Anarchie als Sprungbrett. Aber vielleicht geht sie nicht auf - das ist der Lichtblick. Während der Westen mal die Meinungsfreiheit verteidigt, mal den nacheilenden Gehorsam probt, zeigt die veröffentlichte Meinung in der arabischen Welt unverhoffte Widerstandskraft, nachzulesen bei Memri, einem Forschungsinstitut, das täglich den arabischen Diskurs verfolgt und übersetzt (Special Dispatch Nr. 14 971, memri.org).

In dem Bericht über die „harsche Selbstkritik in der arabischen Welt“ liest man Erstaunliches. Ein libyscher Kolumnist: „Was in Bengasi passiert ist, entspricht nicht den moralischen Standards des Islam.“ Der Film „Unschuld der Muslime“ war bloß ein „Vorwand“, grollt Hassan Haidar in „Al-Hayat“, einer viel gelesenen Zeitung, die in London erscheint. Tatsächlich wollten die „Extremisten“ den arabischen Frühling kapern; „sie bedrohen nicht nur die 'Ungläubigen', sondern auch moderate Muslime“.

„Wir wünschen Achtung?“ fragt Imad Al-Din Hussein in „Al-Shurouq“ (Ägypten). „Wenn wir zivilisiert sein werden und dem wahren Islam gehorchen, wird uns die ganze Welt respektieren.“ In „Al-Watan“ (Saudi-Arabien) fragt Ali Al-Sharimi: „Wie können wir den westlichen Bürger davon überzeugen, dass der Islam Respekt verdiene, wenn der nur Konflikt und Terror in unserer Gesellschaft erblickt?“ Khaled al-Hroub, Professor in Cambridge, bringt es in „Al-Dustour“ (Jordanien) auf den Punkt. Die Empörung ist bloß Machtdemonstration, und der böse Westen ist nicht wirklich die Zielscheibe.

In allen Ländern, die den arabischen Frühling erlebt haben, sollten die Meinungsführer den „Extremismus als größten Feind erkennen, der ihre Gesellschaften mehr bedroht als alle äußeren Feinde zusammen“. Wer Hoffnung sucht, kann sie in diesen Stimmen finden. Die Frage ist nur, wie repräsentativ sie sind. Leider gibt es in der arabischen Welt weder Gallup noch Allensbach, die halbwegs zuverlässig den Puls des Volkes messen. Sicher ist nur eines: Eine liberale Demokratie mit allem, was dazu gehört - Rechtsstaat, friedlichem Machtwechsel, Minderheitenschutz -, wird in dieser Welt so schnell nicht erblühen; immerhin hat auch der Westen ein paar Hundert Jahre dazu gebraucht.

Sicher ist außerdem, dass die Revolution mit Islamisierung einhergeht. Der aktuelle Filmkrieg definiert denn auch die Schicksalsfrage für den Westen: Islam moderat oder extrem? Halb-demokratisch oder voll-despotisch? Bessere Offerten sind nicht in Sicht, doch die Entscheidung des Westens ist klar: für die moderate Variante. Just deswegen muss er die hier zitierten Kräfte stärken. Der voraus- oder nacheilende Gehorsam - die Furcht vor der instrumentalisierten Religion - wird nur deren Feinde legitimieren, etwa: „Seht her, wir liefern, was die Neuen nicht können.“

Filme und Bücher zu verbieten ist nicht nur grundsätzlich, sondern auch politisch falsch, weil es den Terror dazu ermuntert, die nächste Runde einzuläuten - vor allem gegen die Demokraten im eigenen Haus.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB
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