Arbeitgeber
Google baut den goldenen Käfig – aber das Tor steht offen

Der Internetriese will seine Mitarbeiter an sich binden, indem er ihnen gleich eine ganze Stadt baut. Aber aller Voraussicht nach wird die Fluktuation trotzdem hoch bleiben.
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Das Industriezeitalter ist zurück – ausgerechnet in Googleland, wo täglich die Zukunft erfunden wird. Google will ab 2013 eine ganz neue Stadt im Silicon Valley bauen: 110 000 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche auf 17 Hektar. So haben es vor hundert Jahren auch die Zechenbesitzer und Fabrikanten gemacht; davon zeugt noch heute die „Siemensstadt“ in Berlin.

In der Industriesteinzeit ging es allerdings härter zu. Davon erzählt der Country-Klassiker „16 Tons“ von Tennessee Ernie Ford: Der ausgebeutete Kumpel war sogar zu arm, um zu sterben; er musste ewig weiterschuften, weil er im Zechenladen in der Kreide stand. Wie süß ist dagegen das Leben im postindustriellen Mountain View! Schon heute, auf dem alten „Googleplex“-Campus, verschenkt der Konzern Luxus. Neun Gourmet-Restaurants gibt es, dazu Friseursalons, Swimming-Pools und Süßzeug-Stationen – alles gratis.

Der neue Campus wird den goldenen Sozialismus noch weiter treiben, mit Wohnungen, Kindergärten und Fitness-Centern. Kein Zwang: Wer lieber im 60 Kilometer entfernten San Francisco wohnen will, kann auf ein firmeneigenes Busnetz zurückgreifen, inklusive Wi-Fi. Andere Tech-Unternehmen bauen ebenfalls private Transportnetze.

Der Grund ist ein hochkapitalistischer: Produktivität und Kostendruck, also mehr Leistung pro Stunde. Was ist schon ein Haarschnitt für lau im Vergleich zum Arbeitszeitverlust, wenn die junge IT-Frau sonst in die Stadtmitte fahren muss? Der zweite Grund: Während Amerika unter knapp zehn Prozent Arbeitslosigkeit stöhnt, boomt das „Valley“.

Die Arbeitskräfte gehen aus. Just deswegen hat Google jüngst die Gehälter erhöht: 30 Prozent mehr für die Chefs, zehn Prozent plus für die Untergebenen. Und wenn die Leute trotzdem nicht kommen, weil der Wohnraum so teuer ist wie in Manhattan? Dann müssen Firmenwohnungen her – und Kitas mit dazu. So baut Google den postmodernen Wohlfahrtsstaat, derweil sich das Land damit quält, mit den Sozialtransfers das Staatsdefizit zu kürzen.

Wo ist der Haken? Dieser private Sozialstaat ist nicht egalitär, sondern elitär. Ein Google-Nachbar, der Chef eines kleinen Tech-Ladens, drückt es ganz unideologisch aus. „Müssen die damit so protzen?“ fragt er, während er in den Clubraum gegenüber blickt – auf die Espressomaschine, den Tisch-Fußball und die Regale voller Snacks. Andererseits: Der Westen kann mit China & Co. nicht auf dem Niedriglohnsektor konkurrieren; er muss Produkte mit wachsender Wertschöpfung anbieten. Und dazu braucht es hochtalentierte und -qualifizierte Arbeiter. Deshalb steigt das Gehalt bei Google, vermehren sich die Goodies, demnächst der Billig-Wohnraum.

Der Faktor „Frau“ schlägt ebenfalls durch; den kennen inzwischen ja auch deutsche Personalchefs. Erst investiert die Firma viel Zeit in eine junge Neue, dann verschwindet sie, weil die Brutpflege ruft. Also bieten immer mehr US-Unternehmen hauseigene Kitas an – Fürsorglichkeit, die auf Gewinnstreben basiert.

Was passiert in einer Arbeitswelt voller goldener Käfige wie in Googlestadt? Theoretisch müsste die Mobilität leiden. Hier im Silicon Valley aber halten die goldenen Ketten nicht; die Leute wechseln ihre Jobs so schnell wie vom Chevy zum Hybrid-Prius. Denn die Digital-Industrie dreht sich noch schneller. Außerdem lebt der alte Adam, jedenfalls solange er noch jung ist, nicht von geschenkter Gourmandise allein. Er will, was er nicht hat: die Herausforderung des Neuen. Deshalb verlieren laut MIT Sloan Management Review die Googles und Ciscos jährlich prozentual dreimal mehr Mitarbeiter als die Start-ups. Eine Stadt für Techies: der Nachfolger der alten Zechenhäuser.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB
Josef Joffe
Die Zeit / Herausgeber

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