Außenansicht
Das ignorierte Milliardengeschäft

Die staatlichen Hochschulen sollten der beruflichen Weiterbildung höhere Aufmerksamkeit schenken. Sonst vergeben sie ihre Chancen auf einem stetig wachsenden Markt, schreibt Andreas Schlüter vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.
  • 0

Mitten in der Krise sind sich alle Experten in einem Punkt einig: 2009 muss das Jahr der Weiterbildung werden. Nur die Unternehmen, die jetzt auf Qualifizierung statt Entlassung setzen, und nur die Arbeitnehmer, die sich jetzt weiterbilden, haben gute Chancen im nächsten Aufschwung.

Die Bundesregierung hat im Konjunkturpaket II über eine Milliarde Euro für die Weiterbildung reserviert. Die Wirtschaft will Zeiten der Kurzarbeit verstärkt für Weiterbildung nutzen. Jeder dritte Arbeitnehmer, hat eine Forsa-Umfrage von November letzten Jahres ergeben, denkt seit der Wirtschaftskrise über eine berufliche Weiterbildung nach.

Darin liegt eine Chance für die Hochschulen, sollte man meinen. Tatsächlich sind aber gerade unsere staatlichen Universitäten und Fachhochschulen am schlechtesten auf den Boom des Weiterbildungsmarktes vorbereitet, ganz im Gegensatz zu den privaten Anbietern. Die schätzen ihre aktuelle und zukünftige wirtschaftliche Situation deutlich positiver ein als das übrige Dienstleistungsgewerbe. Die privaten Anbieter freuen sich also auf die Zukunft, und sie freuen sich über die Schwäche der staatlichen Konkurrenz. Denn unsere Hochschulen bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dabei werden auf diesem Markt in Deutschland jährlich 30 Milliarden Euro umgesetzt. Angesichts der demografischen Entwicklung und des sich abzeichnenden Mangels an Fachkräften wird er weiter wachsen.

Eigentlich bringen die Hochschulen beste Voraussetzungen mit. Viele potenzielle Kunden sind alte Bekannte: die eigenen Absolventen, die nun Fach- und Führungskräfte mit Weiterbildungspotenzial sind.

Aber gerade in dieser Stärke liegt in gewisser Weise auch ihre Schwäche. Denn auch in der grundständigen Ausbildung vernachlässigen viele Hochschulen eines der Grundprinzipien erfolgreicher Marktteilnahme: Sie orientieren sich bei der Angebotserstellung zu wenig an den Bedürfnissen ihrer Kunden. Ihre Angebote in der Lehre enttäuschen oft die Nachfrager. Und das ist nicht nur deshalb fatal, weil die ehemaligen Studenten das nicht vergessen haben, sondern weil die neuen Kunden Alternativen haben: Anders als in den klassischen Kernbereichen von Forschung und grundständiger Lehre, in denen öffentliche Hochschulen aufgrund ihrer staatlichen Grundfinanzierung bislang nahezu unangefochten die Platzhirsche sind, stehen sie in der Weiterbildung einer sehr leistungsfähigen Konkurrenz privater und ausländischer Anbieter gegenüber. Deren Erfolg baut nicht zuletzt auf Professoren staatlicher Hochschulen auf, die hier eine lukrative Nebentätigkeit finden.

Seite 1:

Das ignorierte Milliardengeschäft

Seite 2:

Kommentare zu " Außenansicht: Das ignorierte Milliardengeschäft"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%