Beatrice Weder Di Mauro

Ohne Haftungsverbund geht es nicht

Euro-Bonds sind der falsche Weg. Besser wäre ein Schuldentilgungspakt, bei dem die Staaten ihre Verbindlichkeiten selbst zurückzahlen müssten. Damit würden auch Spekulationen über den Zusammenhalt in der Euro-Zone enden.
9 Kommentare
Quelle: AFP

Seit nunmehr drei Jahren wird der Euro-Raum von Krisen erschüttert und kommt einfach nicht zur Ruhe. Was noch vor kurzer Zeit für undenkbar gehalten wurde, ein Auseinanderbrechen des Raumes, wird mittlerweile von vielen als unausweichliche Konsequenz gesehen, wenn auch eine mit katastrophalen Folgen. Sollte es tatsächlich zu einem Austritt Griechenlands kommen, wären die Regierungschefs mehr denn je gefordert, unmittelbar einen glaubwürdigen Plan vorzulegen, der Zweifel am weiteren Zusammenhalt ausräumt. Beim nächsten Versuch müssen die tektonischen Platten derart verschoben werden, dass der Währungsraum sowohl kurz- wie auch langfristig stabilisiert wird. Aber wie?

Sinnvollerweise beginnt man mit der Frage, wo die Reise enden soll: Wie sieht eine langfristig stabile Währungsunion aus? Auf jeden Fall hat sie eine gemeinsame Aufsicht und Restrukturierung für grenzüberschreitend tätige Banken, idealerweise auch eine gemeinsame Einlagensicherung. Eine Bankenunion ist langfristig notwendig, wird aber Zeit brauchen, um umgesetzt zu werden.

Schwieriger ist die Frage, wie eine Fiskalunion aussehen soll. Ein Weg ist der, den die Vereinigten Staaten gegangen sind mit dem Resultat, dass dort etwa die Hälfte der staatlichen Ausgaben vom Bund kontrolliert wird und es automatische Transfers zwischen starken und schwachen Regionen gibt. Der Weg wäre aber lang und schwierig, da er ein hohes Maß an Politischer Union erfordert.

Der realistischere Weg führt in eine Föderation mit einem zentralen Krisenmechanismus, aber nur einem kleinen zentralen Haushalt. Die Finanzpolitik der Länder muss dann über eine Kombination von Regeln, Eingriffen und Marktdisziplin kontrolliert werden. Effektive Marktdisziplin bedeutet, dass die Risiken einer steigenden Verschuldung schon frühzeitig in den Preisen angezeigt werden. Dazu braucht es ein Insolvenzregime für Länder.

Der Sachverständigenrat hat Folgendes vorgeschlagen: Länder mit einem Schuldenstand von weniger als 60 Prozent könnten sich im Krisenfall beim Rettungsfonds (ESM) ohne Auflagen refinanzieren. Ab 60 Prozent wäre der Zugang zum ESM hingegen konditioniert und über einem nächsten Schwellenwert zwingend mit einer Verlustbeteiligung der privaten Gläubiger versehen. In dieser Version der Fiskalunion gibt es keine Euro-Bonds, denn das Ziel besteht gerade darin, die Haftung der einzelnen Staaten herzustellen. Stabilisierend ist dieses System aber erst, sobald der Verschuldungsstand der Länder wieder unter 60 Prozent liegt. Dahin muss man aber erst einmal kommen.

Perspektive der Konsolidierung und des Wachstums schaffen
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Beatrice Weder Di Mauro - Ohne Haftungsverbund geht es nicht

9 Kommentare zu "Beatrice Weder Di Mauro: Ohne Haftungsverbund geht es nicht"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Mir scheint, Frau Weder Di Mauro geht von zwei falschen Voraussetzungen aus.

    1. Die Länder sind annähernd gleich in ihrer Entwicklung und verhalten sich alle ähnlich. Sie führen brav Umstrukturierungen durch, wenn die Schulden zu hoch werden und sie zahlen ab.
    2. Die Schulden sind irgendwann abbezahlt und dann verschwindet das Konstrukt wieder in der Versenkung.

    Das ist doch ein Witz. Weder sind die EU-Mitgliedsländer bzw. die Euro-Länder auch nur annähernd gleich entwickelt, noch führen sie die nötigen Strukturveränderungen durch, noch wollen sie so abbezahlen, wie es nötig wäre. Und dass die Schulden tatsächlich irgendwann einmal abbezahlt sein werden – also daran kann doch wohl ernsthaft niemand mehr glauben.

    Was also soll eigentlich dieser Vorschlag?

  • Der einst glanzvolle Sachverständigenrat, dem Frau Weder Di Mauro noch unlängst angehörte, hat sich durch seinen "Schuldentilgungspakt" zur Kirmestruppe degradiert.

    Man kann den Politikern wirklich keine Vorwürfe machen, wenn ihre volkswirtschaftlichen Berater einen solchen Unsinn verzapfen.

  • Unerträglich! Wer sich erlaubt, in einer inzwischen so zerrütteten "Gemeinschaft" noch derartige "Vorschläge" zu unterbereiten, muß an einem gewaltige Defizit an Realitätsbezogenheit leiden oder ist eine gekaufte Systemlügnerin. Frau Weder di Mauro, was Sie uns hier aufzutischen versuchen, entspricht etwa einer Diskussion, wie man einen Elefanten mit gebrochenen Beinen zum Fliegen bringen kann. Schämen Sie sich nicht, die Menschen in Deutschland weiterhin mit Ihrem EURO-Ideologiemüll zu beleitigen und zu bedrohen, in dem Sie sie für Versäumnisse und Schäden haftbar machen wollen, für die die Deutschen die geringste Verantwortung tragen? Ihre Äußerungen und Vorschläge sind höchst sittenwidrig und stellen einen Versuch dar, die Nötigung und den Betrug am deutschen Volk im Sinnes des EURO-Faschismus fortzuschreiben! Ich zähle Sie zu den Mittätern und Anstiftern.

  • Eine Frage noch, Frau Weder Di Mauro.

    Verkündet der Artikel Ihre private Ansicht (bei Ihrer Vita eigentlich kaum vorstellbar) oder schrieben Sie den im Rahmen Ihrer Tätigkeit für die Schweizer Großbank UBS?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Beatrice_Weder_di_Mauro

  • Davon ist garnichts zu halten.

    Die Regeln hatten wir schon, alle wurden schneller gebrochen als formuliert.
    Und wie temporär soll dieser Schuldentilgungspakt denn sein?
    Das römische Reich hielt Hunderte von Jahren und war doch nur temporär. Ähnlich lange würde es wohl dauern bis die italienische Staatsverschuldung auf 60% sinkt (wenn überhaupt).
    Solange spielen wir hier den Deppen und finanzieren fremde Zinsen. Nicht nur das wir unser Geld von den säumigen Schuldnern nicht bekommen (mit dem wir unsere Schulden tilgen könnten), nein wir zahlen noch freiwillig höhere Zinsen für Schulden die wir in dieser Höhe eigentlich garnicht hätten.

    Wir sollten es anders machen:
    Die Problemländer üben sich in solider Haushaltsführung, geben nicht mehr aus als sie haben, sparen und zahlen ihre Schulden (war doch so angedacht Herr Schäuble?).
    Dadurch schrumpft unsere Exportwirtschaft, die Leistungsbilanzungleichgewichte bauen sich ab. Die deutschen Steuereinnahmen schrumpfen und es zeigt sich das wir schon für viel zu viel gebürgt haben. Die Facharbeitermangellüge löst sich in Luft auf. Flächendeckende Mindestlöhne werden eingeführt, der Binnenmarkt gestärkt.
    Da das alles nicht reibungslos passiert kommt evtl. politisch einiges ins Rollen und Kohl, Waigel, Schröder und andere Verantwortliche des Desasters ERSTMAL wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft.

    Das Weitere wird sich dann ergeben, auch neue Perspektiven. Das ist allemal besser als immer schneller immer mehr Geld zum Fenster rauszuwerfen.

  • Werte Frau Weder di Mauro,
    Diese ganzen Haftungsunionen, wie sie im Neusprech heissen, sind nichts anderes als das der deutsche Steuerzahler mit seiner noch halbwegs soliden Bonität für die ganzen Schulden Europas einstehen soll. Ohne irgendeine beschissene Gegenleistung übrigens.

    Der Euro ist ohne Legitimation gegen den Willen des deutschen Volkes eingeführt worden, und nun soll dem Volk zur Rettung dieses verhassten Euros auch noch Haftungsunionen mit Staaten aufgehalst werden, welche teilweise reicher sind als man selbst?

    Nur um das dahinsiechende Finanzsystem 3 Monate weiter zu retten? Kicking the can down the road?

    Das ist ungerecht, gemein und verbrecherisch. Soll das verdammte Finanzsystem halt zusammenbrechen, aber das deutsche Volk wäre immerhin nicht Systemsklave Europas. Auch Deutsche haben ihren Stolz.

  • Es ist bedauerlich, dass Frau Weder Di Mauro sich auch der allgemein üblichen Panikfloskeln bedient und vor katastrophalen Konsequenzen eines Auseinanderbrechens des Euroraumes spricht. Noch immer ist dieses Auseinanderbrechen nicht mehr als eine weit verbreitete Befürchtung oder Besorgnis erregende Zweckspekulation, die in ihrer Zwangsläufigkeit nirgends schlüssig und logisch bewiesen worden wäre. Das Argument der Dominosteine ist ein Spiel mit der Wahrscheinlichkeit, keine unumstößliche Folge. Schließlich handelt es sich bei Griechenland um ein Mitglied eher geringeren Gewichts. Eine temporäre „Beurlaubung“ aus dem Euro, also aus dem Währungsraum, zur Aufarbeitung bisher unterlassener „Schularbeiten“ muss daher nicht kategorisch zum Auseinanderbrechen des gesamten Euro-Verbundes führen. Zum anderen ist das Argument der „katastrophalen Konsequenzen“ bislang von keiner Seite auch nur annähernd quantifiziert worden – weil es unmöglich ist. Dem gegenüber sollte aber bedacht werden, dass die bisherigen internationalen finanziellen Stützungsmaßnahmen durchaus in einer absoluten Größenordnung summiert werden können, die mit Sicherheit auch das Prädikat katastrophal verdient. Ohne einen Austritt Griechenlands ist ein Ende der Deich-Bauerei nicht abzusehen. Deshalb könnte der Austritt der Gesamtheit in ihrem Bestand dienen.

  • Die Italiener haben genug Wohlstand, um ihre Schulden selbst zu tilgen. Die Franzosen ebenfalls!
    Den Vorschlag können Sie vergessen.

  • Nein, Frau de Mauri, dann ist das Projekt eben gescheitert! Besser ein Ende mit Schrecken als Sklave der PIGS.

    Weg mit dem Euro. Nieder mit dieser EU!!!
    Für ein neues Europa der Vaterländer!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%