Bürgerlicher Protest: Thilo Sarrazin hier, Sarah Palin in Amerika

Bürgerlicher Protest
Thilo Sarrazin hier, Sarah Palin in Amerika

Kulturkampf auf beiden Seiten des Atlantiks. Der Unterschied: Dort könnte die konservative Revolte obsiegen. Bei uns ist dies sehr unwahrscheinlich, obwohl es ein gemeinsames "Gen" gibt.
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Amerika hat auch seinen Thilo Sarrazin und seine Erika Steinbach. Bloß heißen die dort Glenn Beck und Sarah Palin. Beck ist der Politstar des TV-Senders Fox News, der sich drei Millionen Zuschauer pro Sendung mit einer Mischung aus Predigt und Interview für die Recht(s)gläubigen angelt. Sarah Palin war 2008 Vize-Kandidatin von John McCain. Jetzt schreibt sie Bücher, hält Reden im ganzen Land - und sich selbst warm als Nummer eins der Republikaner für 2012.

Die beiden schaffen freilich viel mehr als Sarrazin und Steinbach, haben sie doch jüngst Hunderttausende für eine Massenkundgebung in Washington versammelt. Niemand denkt daran, sie aus Partei oder Vorstand zu werfen; was wir hier "Partei" nennen, ist dort ein lockerer Wahlkampfverein, wo jeder mitmischen kann, wenn er denn in seinem Wahlkreis genug Gelder und Getreue sammeln kann, um in den "Primaries" (Vorwahlen) nominiert zu werden.

Just das macht sie für das Establishment gefährlicher, als es der Frührentner Sarrazin und die entnervte Steinbach je sein könnten. Sarrazin verkauft Bestseller; Beck, Palin und die "Tea Party" aber sind eine Apo, die jetzt schon Berge versetzt. Diese Revolte gegen den "Obamismus" - sprich: mehr Staat, Steuern und Defizite, zu wenig "Amerikanismus" - verstärkt tagtäglich den Druck auf "die da oben".

Bei uns heißt es: "Das wird man doch wohl mal sagen dürfen." Dort sagen sie es ganz offen - und spenden Geld sowie Zeit für die Wahlkampfteams der Republikaner. Denn "rechts" ist in Amerika, wo ein Hitler nie obsiegt hätte, kein Pfui-Wort; "rechts" sind Reagan, Religion, Markt, Individualismus, Patriotismus und "Small Government". Eigentlich eine unmögliche Mischung: Nationalstolz, Gott und Tradition sind konservative "Wir"-Werte; Gewinnstreben, Wettbewerb und schwacher Staat sind "Ich-für-mich"-Werte, die ständig am Bestehenden rütteln.

Aber diese Mischung aus wertkonservativ und strukturliberal funktioniert in Amerika, und zwar klassenübergreifend; das ist der Unterschied zu Deutschland. Wie würde man hier einen Sarrazin, der abschotten will, mit einem Merz oder Clement verbandeln, die Markt und Globalisierung schätzen? Wie Gott und Kapitalismus? Bischof Mixa und die FDP in einem Boot? Unvorstellbar.

Die Sarrazin-Fraktion und die amerikanische Apo teilen dennoch ein gemeinsames "Gen". Sie stehen auf der gleichen Seite im "Kulturkampf" zwischen Tradition und dem politisch Korrekten. Was Sarrazin mit seiner Ein-Mann-Schau mobilisiert hat, kann man in Tausenden von Leserkommentaren gerade in den progressiven Medien nachlesen. "Ihr da (die Medien und die Politik) sollt aufhören, uns zu gängeln." "Die da (Einwanderer, aber auch die eigene Unterschicht) sollen endlich die wahren Tugenden verinnerlichen: Fleiß, Wohlanständigkeit, Selbstverantwortung, Leistung in Schule und Beruf." Bohrte man weiter, würden sie sich über Schwulenehe, Patchworkfamilien und den allgemeinen Autoritätsverlust aufregen.

In Amerika sind "die da" die "liberalen Eliten", die Gott und Nation verpönen, aber den Staat verehren. Die in den Medien und Universitäten den Ton angeben, die einen Glenn Beck und eine Sarah Palin als Demagogen und deren Gefolgschaft als klägliche Opfer ihres manipulierten Bewusstseins verachten.

Das ist kein klassischer politischer Konflikt um "Wer kriegt was?", sondern ein "Kampf der Kulturen" um verbindliche Werte und Lebensweisen.

Wie er ausgehen wird? Die Wette ist einfach. In Deutschland kann nicht viel passieren, weil eine Partei rechts von der Union kaum Chancen hat. Unmut kann sich nicht zum Parteiprogramm verdichten. So torkelt die FDP als Anti-Steuer-Partei an der Fünf-Prozent-Grenze. Gott? Dem, genauer: den Kirchen, laufen die Leute seit Jahrzehnten millionenfach weg. Nationalstolz? Der funktioniert nur alle vier Jahre, bei der WM. Entscheidend aber sind die fehlenden Führungsfiguren. Die gefallenen Granden der CDU werden den Schritt nicht wagen; Sarrazin und Co. sind Figuren, aber keine Führer.

Anders in Amerika, wo der Widerstand gegen Obamas "Sozialdemokratismus" inzwischen mehr als die halbe Nation umfasst. Die Zustimmung ist seit seinem Amtsantritt in gerader Linie gefallen: von 65 auf 45 Prozent. Die Meinungsforscher sagen heute das Ende der Demokraten-Vorherrschaft voraus: ein Patt im Senat und eine knappe Republikaner-Mehrheit im Unterhaus. Noch wichtiger: In Amerika verharrt die Arbeitslosigkeit bei knapp unter zehn Prozent. Die Palins stehen schon bereit.

Die Moral von der Geschichte könnte von Bert Brecht sein: Kulturkampf hin oder her, an der Wahlurne entscheidet das Portemonnaie. Und dann fliegt die herrschende Partei raus, ob gottesfürchtig oder politisch korrekt. Wenn es den Amerikanern in zwei Jahren nicht bessergeht, fliegt auch Obama.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB
Josef Joffe
Die Zeit / Herausgeber

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