Charles Wyplosz

EZB hat die Führung in Europa übernommen

Jürgen Stark, der frühere Chef-Volkswirt der Europäischen Zentralbank, warnt die Notenbanker vor dem Verlust der Unabhängigkeit. In Wahrheit zeigen sie den Politikern den Weg aus der Krise - und das ist auch gut so.
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Die Euro-Skulptur leuchtet in Frankfurt vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Quelle: dpa

Die Euro-Skulptur leuchtet in Frankfurt vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB).

(Foto: dpa)

Die These von Jürgen Stark, Anleihekäufe oder Garantien der Europäischen Zentralbank gefährdeten deren Unabhängigkeit, wirkt auf den ersten Blick überzeugend. Aber sie ist falsch und gefährlich.

Die heutige Krise ist die Folge von zwei historischen Fehlern. Es war immer klar, dass eine Währungsunion nur funktionieren kann, wenn jedes Mitglied eiserne Finanzdisziplin übt. Der erste Fehler war, den Stabilitäts- und Wachstumspakt zu schaffen und so zu tun, als könne er diese Disziplin garantieren.

Viele Ökonomen warnten, der Pakt werde nicht funktionieren, weil er schlecht konstruiert sei - die willkürlich gewählte Obergrenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat wirtschaftlich keinen Sinn. Hinzu kommt: Niemand kann ein souveränes Parlament zwingen, sich an willkürliche Regeln zu halten. Tatsächlich haben ja Deutschland und Frankreich den Pakt 2003 verletzt, ohne dass das irgendeine Konsequenz gehabt hätte. Und letztlich zeigt die Verschuldung der Länder in der heutigen Krise, dass dieses Konzept nicht funktioniert.

Der zweite historische Fehler war die Entscheidung vom Mai 2010, Griechenland zu retten. Dies war eine Verletzung des Vertrags von Maastricht, und es sollte ein einmaliger Fall bleiben. Aber seitdem sind Rettungen durch Regierungen und die Europäische Zentralbank (EZB) Routine geworden. Niemand erinnert sich mehr daran, dass sie eigentlich verboten sind. Hätten wir dagegen Griechenland 2010 gleich zum Internationalen Währungsfonds geschickt, wäre die Krise jetzt wahrscheinlich schon vorüber.

Jürgen Stark war an beiden Entscheidungen beteiligt. Zu seiner Ehre muss man sagen, dass er gegen die Rettungen durch die EZB war. Auf der anderen Seite war er der Vater des Stabilitäts- und Wachstumspakts und hat ihn noch verteidigt, als längst klar war, dass er nicht funktioniert. Gäbe es tatsächlich einen wirksamen Mechanismus zur Begrenzung der Schulden, dann wäre Griechenland nicht vor die Wand gelaufen.

Diese Fehler sind nun einmal geschehen, und wir müssen uns mit ihren Folgen auseinandersetzen. Und zwar mit klarem Blick, ohne Reue und ohne Dogmatismus. Tatsache ist, dass sich einige Länder kein Geld mehr leihen können, und sei es nur, um ihre Schulden zu bedienen. Leider wächst die Anzahl dieser Länder immer weiter, wenn wir an einer Politik festhalten, die versagt hat.

Die Schuldenlast der Krisenländer sprengt die Rettungsschirme
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17 Kommentare zu "Charles Wyplosz: EZB hat die Führung in Europa übernommen"

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  • Deutschland kann und darf jederzeit aus der EU/Währungsunion wenn von Vorteil.
    Also keine Panik, im Moment geht es Deutschland prächtig und es profitiert des Malheurs der anderen.
    Wenn die Zeit für den Austritt reif ist wird sich schon jemand finden der das tut, keine Sorge.
    Aber im Moment leben wir Deutsche wie die Marder im Speck und auf Kosten der schwächeren EU-Länder die sich gegen unsere Exportlawine wegen der EU-Verträge (Freihandelszone) nicht wehren können. Somit können wir unsere Arbeitslosigkeit über unseren Leistungsbilanzüberschuss exportieren (15 Milliarden im Schnitt PRO MONAT und das seit 17 Jahren)
    Was wollen wir noch mehr, die paar Milliarden die wir netto an Brüssel zahlen müssen sind Peanuts im Verhältnis zum Leistungsbilanzüberschuss den wir durch unsere Mitgliedschaft in der EU realisieren dürfen.
    Uns Deutsche geht es prächtig, genießen wir es einfach, egal wie es den anderen EU-Ländern geht und ob in Spanien die Jugendarbeitslosigkeit über 50% liegt. Wem juckt denn das?

  • Es bleibt dabei. Das was hier geschieht ist der größte Wirtschaftsbetrug der Geschichte. Gigantische Summen werden von Sparern und Steuerzahlern zu Schuldnern umverteilt. Und es passiert gar nichts, um das für die Zukunft zu unterbinden. Alle sogenannten Reformen und Abkommen unterliegen der faktischen rechtlichen Beliebigkeit, reine Vertragslyrik. Der Transfer-Mechanismus wird für alle Zukunft institutionalisiert. Die soziale Marktwirtschaft in bisheriger Form ist auf dem Rückzug.

  • Was wollen wir Bürger Europas eigentlich? Wollen wir, dass der
    Euro gegen die Wand fährt , unsere Ersparnisse und jahrzehntelange Altervorsorge am Ar. . ist und die normalen
    Bürger die Verlierer sind. Die Reichen in Europa sind nach dem Fall
    des Euros super abgesichert, da Sie ihr Vermögen frühzeitig ausser
    Landes geschafft haben( Immobilien im nicht Euroraum gekauft
    haben, Euros getauscht haben, Edelmetalle gehortet haben,
    Blue Chips von amerik. Untern. im Depot haben, Kunstobjekte
    gekauft haben u.sw). Egal ob das Papiergeld gegen die Wand
    fährt, am Ende kommt immer wieder Papiergeld . Der dumme
    ist immer der kleine Sparer und der Staat hat sich seiner Schulden
    entledigt. Deshalb ist es mir egal, ob munter weiter Staatsanleihen
    im Euroraum aufgekauft werden. Man sieht ja, dass die Inflation
    in USA nicht das Problem ist. Davon spricht man schon seit
    20 Jahren, nichts ist passiert.
    MfG
    Walter Schmid

  • @Karma
    Der letzte Satz ist zum Kotzen ( Karnickel) . Ich fordere die
    HB - Redaktion auf, den einen Satz zu löschen.

  • Teil 3
    11.-13.Abs.:Die angebliche Notwendigkeit für die EZB, 3,5 Billionen € schultern zu müssen, ergibt sich ja nur aus der falschen Annahme, Schulden mit weiteren Schulden bekämpfen zu müssen.
    Die Annahme ist FALSCH, wir brauchen keine weiteren Schulden.
    Was wir brauchen, ist – endlich – eine Insolvenzordnung für Staaten und den Mut, Banken auch mal pleite gehen zu lassen und sie so für ihr eigenes und bewusst eingegangenes Risiko einstehen zu lassen. Ganz so, wie es nach unserem System in jeder privaten Firma üblich ist.
    Mit dem Aufwand, den Sie betreiben, um einen Verlust der Banken zu vermeiden, könnten Sie ebenso deren Gläubiger, z.B. die Bürger, retten. DIE nämlich können wirklich nichts dafür und sollten GAR KEIN Risiko tragen.

    Die Politiker und ihre Berater aber setzen sich arrogant über all dies hinweg. Ganz offensichtlich ist es ihnen wichtiger, die eigene Haut zu retten als Europa.

    Das sage ich als Europabefürworter und €-Gegner, „und zwar
    mit klarem Blick, ohne Reue und ohne Dogmatismus“.

  • Teil 2
    7.Abs.: Die Idee, zu viele Schulden mit noch mehr Schulden zu bekämpfen, ist ebenso simpel und einleuchtend wie falsch. Es sei denn, man nimmt eine hohe Inflation in Kauf. Hier würden die kleinen Leute am meisten leiden – das scheint den Entscheidern und deren Beratern egal zu sein.
    8.Abs.: Und was geschieht bei einer inflationären Entwicklung? Und bei fortdauernden Transfers der „starken“ Länder in die schwachen Länder? Frieden in Europa?
    9.Abs. Nein, wir fassen die heutige Situation auf als Folge von Fehlern falscher Berater, die nun Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren. Wir KENNEN eine saubere Lösung, nämlich die Rückkehr zum ECU, die Einführung des Nordeuro oder die Rückkehr zu nationalen Währungen, damit wieder Frieden in der EU einkehrt.
    10.Abs. Dies ist ein erneuter Irrtum. Nicht die Märkte sind es, die beruhigt werden müssen, sondern die extremen Leistungsbilanzdefizite sind schuld an der Situation. Und diese Defizite wiederum beseitigt man nur durch die abwertbare eigene Währung. Denn für interne Abwertungen sind die Schulden viel zu hoch, die Opfer viel zu unzumutbar. Aber auch hier sind die Berater ebenso wie alle Politiker unbelehrbar. Sollen doch die anderen Opfer bringen – Hauptsache, die Berater und Politiker behalten Ihren Job!

  • Ausführliche Stellungnahme
    1.-2. Abs.: Nein. Der erste Fehler war ein anderer, nämlich den € einzuführen vor einer politischen Union.
    3. Abs.: Der zweite Fehler war ebenfalls ein anderer, nämlich völlig ungleiche Länder in einer Währungsunion zusammen zu fassen. Ohne diesen Fehler wäre der Zinssatz unterschiedlich geblieben und die heutigen Schuldenländer hätten sich nicht so stark verschulden können.
    4. Abs.: nicht nur die Entscheidung, GR zu retten, war ein Fehler. Denn dies war nicht die erste Verletzung des Maastricht Vertrages, wie wir alle wissen.
    Im Übrigen aber hätte auch der IWF damals nichts ausrichten können. GR war schon 2010 pleite und hätte den €-Raum verlassen müssen.
    5.Abs.: Der „wirksame Mechanismus zur Begrenzung der Schulden“ wäre gewesen, wettbewerbsunfähige €-Länder sofort aus dem € zu entlassen, damit sie durch Abwertung ihrer eigenen Währung ihre wirtschaftliche Situation verbessern können, anstatt nun eine quälende interne Abwertung unter Zwang durchzuführen. Denn diese interne Abwertung geht allein zu Lasten der Bevölkerung – und das alles nur, damit Sie und Ihre Interessenpartner weder Ihr Gesicht (wegen der Fehlentscheidungen zuvor) noch Ihre Macht bzw. Ihr Vermögen verlieren.
    6.Abs.: Ja, „die Fehler sind nun einmal geschehen“, aber sie fielen nicht vom Himmel, wie der Verfasser es suggeriert, sondern sie geschahen wegen falscher Beratungen. Ob diese Beratungen irrtümlich verkehrt waren oder absichtlich, z.B. um eigene Interessen durchzusetzen, bleibt offen.
    Ende Teil 1

  • Ziemlich grober Unfug der hier verbreitet wird.

    1. Die Deutschen wollten den Euro nicht. Sie wollen auch nicht, das das deutsche Volksvermögen zur angeblichen Rettung des Euros von der EZB verdünnt und ausgeweidet wird.
    Zu retten ist beim Euro eh nichts mehr.
    Wenn wir so weitermachen nach Losung der EU "Vorwärts immer, Rückwärts nimmer", ist das weitere Siechtum der Länder Europas garantiert.

    2. "Wir können die heutige Situation nur als Folge der historischen Fehler auffassen und danach handeln. Es gibt daher keine saubere Lösung. Wir müssen Dinge akzeptieren, die wir hassen. Zugleich müssen wir uns hüten, dieselben Fehler noch einmal zu machen."

    Wir müssen die historischen Fehler zuerst einmal RÜCKgängig machen und nicht WEITERmachen. D.h. RÜCKabwicklung der Zwangswährung Euro.

    Zusätzlich würde ich gerne eine Entschuldigung der Verantwortlichen hören.

    3. "Ob richtig oder falsch: Die Finanzmärkte gehen davon aus, dass einige Länder ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Die Risikoaufschläge spiegeln wider, welche Abschläge sie bei einer Umschuldung erwarten. Die Märkte leiden immer wieder unter Panikattacken. Diese zu stoppen ist heute die wichtigste Aufgabe. Irgendjemand muss den Märkten sagen, dass es eine Obergrenze für mögliche Verluste gibt."

    Die Obergrenze für einen Verlust ist der Totalverlust. Es gibt keine natürliche Grenze für Haftung. Es sei denn, man nimmt die unbeteiligten Bürger und Steuerzahler in GeiselHAFTUNG. Aber das lief ja schon bei den Bail-Outs der Banken wunderbar, nicht?

    Die Märkte werden den Zwangseuro früher oder später zersprengen, oder Draghi wird den Euro zu tode inflationieren. In beiden Fällen ist das Ende des Euros sicher.

    Wenn am Ende die Rechnung für den größten Raubzug der Geschichte (Euro) präsentiert wird, wird auch die Elite der EU zur Verantwortung gezogen werden.

  • Jedes Land kommt für eigene Schulden auf --
    Endlich Pfandbriefe für reiches Italien und keine Schuldenvergemeinschaftung durch Draghis EZB

  • Es ist genau das Passiert was der "stammtisch" bei Euro einführung bemängelt hat... so doof das auch klingt....

    Nu sollen die nochmal in den saueren Apfel beißen....

    das ist wahnsinn, die heute 30-40 jährigen werden so richtig verarscht und um ihre leistung beschissen die sie die letzn 13 jahre mit demut erbracht haben, der momentane "erfolg" D ist den mitdenkenden AN in D geschuldet und Verantwortungsbewusten Unternehmern, meistens aus dem Mittelstand. Wir habn noch erfolg, nicht wegen, sondern Trotz der EU.

    wir wollten nur wiedervereinigt werden 89....

    und andere wollte da nur Vorteil draus ziehn...
    Die D bevölkerung hat dem Experiment geduldig zugesehn....
    Aber ich erachte es als unötig, das so in die Länge zu ziehn wie das experiment DDR...

    Ich finde unsere "Freunde" schulden uns was
    aus den 13 jahrn zinskonvergenz wurde nix handfestes erbracht... dafür massig autobahnen ins nirvana...

    Und die ganzen Expertn sollen vorangehn und gern ihr erspartes versetzn um zu helfen....
    Viele AN hat man per H4 schon, erleichtert, da ist nix mehr.trifft ca 1 /5 der arbeitsfähigen Altersstufen.
    Wir profitiern von der EU....wie einstmal s werden wir befreit.... diesmal vom spargroschen...

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