_

Citigroup-Ökonom Michels: Die Konjunkturpakte haben gewirkt

Investitionen und Exporte sind für Jürgen Michels die größten Wachstumsbeschleuniger. Doch auch von den Programmen der Politik gingen wichtige Impulse aus. Jetzt fordert der Citigroup-Ökonom Reformen von der Regierung: Gesundheit, Bildung, Zuwanderung.

Jürgen Michels. Quelle: Pressebild
Jürgen Michels. Quelle: Pressebild

Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal ist beeindruckend. Bei aller berechtigter Euphorie über den stärksten Quartalszuwachs seit der Wiedervereinigung darf aber nicht vergessen werden, dass der Anstieg nach oben überzeichnet ist. Die Erholung der deutschen Wirtschaft, die im zweiten Quartal 2009 begonnen hat, ist mittlerweile etwas dynamischer als die durchschnittliche Belebung nach den vorherigen vier Rezessionen. Doch die jetzige Aufwärtsdynamik ist deutlich geringer als der Absturz der deutschen Wirtschaft Ende 2008/Anfang 2009. Während sich damals der Einbruch der Exporte und der dramatische Rückgang der Investitionen als Hauptfaktoren der Rezession präsentiert haben, zeigen sich nun beide Komponenten als größte Wachtumsbeschleuniger.

Anzeige

Der auch schon vor der Krise sehr wettbewerbsfähige deutsche Exportssektor hat von der Belebung der globalen Nachfrage - vor allem in Asien - und von dem schwächeren Euro profitiert. Unterstützt vom Exportaufschwung haben sich die Unternehmensgewinne bereits im letzten Jahr erholt. Dank besserer Finanzierungsbedingungen sind die Investitionen der Unternehmen wieder auf einem Expansionspfad. Darüber hinaus gingen wohl auch von den staatlichen Investitionsprogrammen wichtige Impulse aus, die sich auch in dem verbleibenden beiden Quartalen dieses Jahres positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken sollten.

Bisher ist festzustellen: Die staatlichen Konjunkturprogramme haben im letzten Jahr bei der Stabilisierung der Konjunktur geholfen und leisten in diesem Jahr einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Inlandsnachfrage. Hervorzuheben ist die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes, die es den deutschen Unternehmen ermöglicht hat, in dem weiterhin starren Arbeitsmarkt flexibel auf die dramatischen Nachfrageveränderungen zu reagieren.

Die klaren Anzeichen einer Abkühlung der globalen Nachfragezuwächse deuten auf einen Rückgang der Dynamik der deutschen Exporte und des BIP Wachstums hin. Unterstützt durch eine sehr robuste Beschäftigungssituation und historisch niedrige Finanzierungskosten gehe ich aber davon aus, dass die privaten Haushalte sowohl ihre Konsumausgaben als auch die Wohnungsbauinvestitionen ausweiten werden. Mit dieser Unterstützung sollte sich die Inlandsnachfrage im kommenden Jahr beschleunigen, trotz der Beeinträchtigung durch eine leicht restriktive Fiskalpolitik.

Nach den neuesten Wachstumszahlen haben wir unsere BIP Prognose deutlich angehoben und erwarten nun ein Wachstum von 3,4% in diesem Jahr und von 2,4% im kommenden Jahr. Deutschland sollte sich aus unserer Sicht mittelfristig in einem guten wirtschaftlichen Umfeld mit überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum und niedriger Inflation befinden. Dieses Umfeld sollte gute Bedingungen für eine Konsolidierung der Staatsfinanzen bieten. Um längerfristig die Wachstumsaussichten günstig zu halten sind jedoch insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Zuwanderung Reformen erforderlich. Die Chancen, dass die bisher wenig handlungsfreudige Koalition, die zudem über keine Mehrheit im Bundesrat verfügt, weitreichende Reformen auf den Weg bringt, sind eher gering. Daher ist die Freude über hohe Wachstumsraten in Deutschland wohl nicht von Dauer.

  • Kommentare
Kommentar: Selbstbewusstes Lateinamerika

Selbstbewusstes Lateinamerika

Die jüngsten Enteignungen zeigen: Firmen von der iberischen Halbinsel haben kaum noch Rückhalt in Südamerika. Überraschend ist das nicht. Die spanischen Konzerne haben wenig getan, um sich im Ausland zu integrieren.

Kommentar: Wirtschaftswunder mit Schönheitsflecken

Wirtschaftswunder mit Schönheitsflecken

Die Zahlen der deutschen Industrie wirken auf den ersten Blick makellos. Doch ein Vergleich mit Vorkrisenjahren zeigt: Die Unternehmen sind längst nicht so stark wie sie sein könnten. Und das Klima wird rauer.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Gastkommentar: Die CDU muss weiter nach links rücken

Die CDU muss weiter nach links rücken

Nach der NRW-Wahl muss die Union neue Prioritäten setzen: Sie muss auf die Sorgen der Menschen reagieren. Sonst verliert sie noch mehr Vertrauen - und ihren Status als Volkspartei.

Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.