_

Contra ACTA: Provider sind keine Handlanger der Industrie

Das Anti-Piraterie-Abkommen schadet den Grundrechten und der Wirtschaft, meint Oliver Süme vom Verband der Internetwirtschaft. Es macht Anbieter im Netz zu Hilfssheriffs eines repressiven Geschäftsmodells.

Oliver Süme ist Vorstand des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft, „eco“. Quelle: IMAGO
Oliver Süme ist Vorstand des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft, „eco“. Quelle: IMAGO

ACTA ist in aller Munde. Trotz klirrender Minusgrade gehen Zehntausende auf die Straßen, um gegen das internationale Handelsabkommen zu demonstrieren – die Bürger unseres Landes haben ein feines Gespür, wann ihre Rechte angegriffen werden. Dabei bestreitet ja niemand, dass Produktpiraterie bekämpft werden muss. Es war jedoch ein folgenschwerer Fehler der Copyright-Industrie, in ein legitimes Abkommen gegen Produktpiraterie eine Regulierung des Internets hineinzumogeln. Denn dies ist nicht nur aus Sicht der Grundrechte brandgefährlich. Wird ACTA wie geplant beschlossen, wird es zudem massive wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen.

Anzeige

Um dies nachzuvollziehen, muss man sich zunächst die Bedeutung der hiesigen Internetwirtschaft für den Wirtschaftsstandort Deutschland vergegenwärtigen. Im vergangenen Jahr ermittelte das McKinsey Global Institute, dass die Internetwirtschaft über fünf Jahre im Durchschnitt für ein Viertel des deutschen Wirtschaftswachstums verantwortlich zeichnete. Diesen Erfolg ermöglichen die Internetprovider, denn sie betreiben seit fast 20 Jahren zuverlässig die technische Infrastruktur – also die Voraussetzung für Innovationen und Wachstum.

ACTA

  • Was ist ACTA?

    ACTA steht für „Anti-Counterfeiting Trade-Agreement“, also Handelsabkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie. ACTA soll den Schutz geistigen Eigentums verbessern, und zwar sowohl in der Realwirtschaft als auch im Internet.

    Es geht also beispielsweise um Zollkontrollen, bei denen gefälschte Markenware aus Fernost beschlagnahmt wird. Das Abkommen berührt aber auch illegale oder vermeintlich illegale Downloads von Musikdateien in einer Tauschbörse im Netz.

  • Was steht in dem Abkommen?

    ACTA enthält einerseits allgemeine Pflichten der Vertragspartner, die etwa „Eilverfahren zur Verhinderung von Verletzungshandlungen“ ermöglichen müssen. Darüber hinaus geht es um Schadenersatz oder darum, was der Zoll an der Grenze beschlagnahmen darf.

    Mit Blick auf das Internet klingt das Abkommen vage, unter anderem werden „Kooperationsbemühungen im Wirtschaftsleben“ angeregt. Zudem sollen Behörden Provider unter bestimmten Bedingungen zwingen können, Kundendaten offenzulegen.

  • Warum wird ACTA kritisiert?

    Für die Gegner bedroht ACTA vor allem die Freiheit im Internet. Sie befürchten etwa, dass Internetprovider künftig mit der Musikindustrie kooperieren und etwa im Extremfall bei vermuteten Rechtsverstößen den Anschluss sperren. Ausdrücklich vorgesehen ist dies in dem Abkommen aber nicht. Neben dem Inhalt des Abkommens stört viele Kritiker aber auch, dass es angeblich geheim verhandelt wurde - was die EU zurückweist.

  • Warum soll ACTA Kranke in Entwicklungsländern gefährden?

    Hilfsorganisationen wie Oxfam vermuten, dass ACTA den internationalen Handel mit Generika erschweren würde. Generika sind Nachahmer-Medikamente, die in der Regel preiswerter sind als die Originale und die deshalb vor allem für Kranke in armen Ländern wichtig sind.

  • Was spricht für ACTA?

    Der Schaden, der durch Fälschungen von Markenware und andere Verstöße gegen das geistige Eigentum entsteht, ist immens. Laut EU-Kommission entstehen Europa jährlich acht Milliarden Euro Verluste durch Produktfälschungen. Darüber hinaus sieht sie Innovation und Kreativität gefährdet, wenn die Rechte-Inhaber nicht sicher sein können, dass sich ihre investierte Energie voll auszahlt.

  • Wer ist Vertragspartner von ACTA?

    Neben der Europäischen Union und ihren 27 Mitgliedstaaten sind einige der wichtigsten Industrieländer Partner: Die USA, Japan, Australien, Kanada, Südkorea, Mexiko, Neuseeland, Singapur, die Schweiz sowie Marokko. In der EU wurde ACTA bislang von 22 Staaten unterzeichnet.

  • Welche Haltung hat die Bundesregierung?

    Die Regierung befürwortet grundsätzlich das Abkommen, das Regierungssprecher Steffen Seibert als wichtig im Kampf gegen Produkt- und Markenfälschungen bezeichnete. Die federführende Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat jedoch die Unterzeichnung auf Eis gelegt und auf noch „offene Fragen“ verwiesen.

  • Wie geht es weiter?

    Alle EU-Staaten müssen das Abkommen ratifizieren. Daneben muss das Europäische Parlament zustimmen, doch auch hier regt sich Widerstand. Um den Streit zu entscheiden, könnte das Abkommen dem Europäischen Gerichtshof (EuGh) zur Prüfung vorgelegt werden.

Eine tragende Säule dieses Geschäftsmodells ist der Grundsatz: Neutralität gegenüber Inhalten! Aber diese neutrale Rolle als Übermittler könnte durch ACTA abgeschafft werden. Das Abkommen sieht vor, dass Staaten zur Rechtsdurchsetzung im Internet Kooperationsbemühungen in der Wirtschaft fördern müssen. Für solche Modelle macht sich die Musik- und Filmindustrie auf europäischer Ebene schon seit mehreren Jahren stark: Provider sollen in eine Hilfssheriff-Rolle gedrängt werden und auf Basis privatwirtschaftlicher Verträge, vorbei an rechtsstaatlichen Verfahren, helfen, die Interessen der Rechteinhaber durchzusetzen.

Urheberrechts-Debatte im Netz

Dafür müssen Kundendaten auf eine Weise ausgewertet werden, der kein Kunde zugestimmt hat. Dies ist ein massiver Eingriff in die vertrauliche Kommunikation und in die Geschäftsbeziehung der Provider zu ihren Kunden, von der Verletzung datenschutzrechtlicher Vorschriften ganz zu schweigen.

  • 15.02.2012, 14:27 UhrAnonymer Benutzer: J.M.K.

    Ich würde an der Stelle gern darauf hinweisen, dass das Bundesministerium der Wirtschaft ein Gutachten veröffentlicht hat, welches ein "Warnmodell" für eventuelle Urheberrechtsverstöße auf seine rechtliche Durchsetzbarkeit hin überprüft. So sehr ACTA selbst die Rechtslage noch nicht anzutasten scheint, ergibt sich aus einer Gesamtschau der zeitlichen Koinzidenz zu PIPA und SOPA, der Verhandlung im Geheimen sowie dem o.a. Gutachten durchaus ein bedrohliches Gesamtbild. Die Einrichtung von einem Warnmodell würde nämlich zwingend voraussetzen, dass Provider die Datenströme ihrer Kunden filtern oder in sonstiger Weise überwachen. Es erschließt sich mir nicht, wie die Regierung ein solches Modell ernstlich andenken kann, nachdem eine "bloße" Speicherung der IP-Adresse - unabhängig von den konsumierten Inhalten - zur Verfolgung von Kinderpornographie und Terrorismus abgelehnt wurde. Die vielbeschworene Paranoia der ACTA-Gegner ist offenbar nicht gänzlich unbegründet.

  • 15.02.2012, 13:39 Uhrihr

    Sehr guter Artikel, der sich aber nur auf den Filmrechteaspekt bezieht.
    Wie lange wird es dann dauern, bis unliebsame Meinungen entfernt werden?
    Wenn schon eine Partei wie die Linkspartei vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist dann eine Verfolgung
    von Sympatisanten im Internet zu erwarten??
    Die oft gepriesene Freiheit soll hier zerstört werden! Und das Internet vergisst nie, man könnte die Nutzerdaten noch in Jahrzehneten auswerten.

    Weiterhin Verbot von Generika, die Millionen von Menschen in armen Ländern das Überleben sichern. besonders auch unter dem Aspekt der Patentierung von Leben win kritischer Aspekt!

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.