David Marsh
Schwache Griechen lassen starke Deutsche zappeln

Seine beinahe unheilbaren Schwächen machen Griechenland stark. Deutschland wiederum leidet unter seiner Überschätzung. Nun, nach der Hellas-Wahl droht beiden ein Zusammenprall - mit zwei völlig unvereinbaren Leitideen.
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Wir sind stark, weil wir schwach sind." So hat im Jahre 1988 Hans-Georg Wieck, damaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), das komplexe internationale Kräfteverhältnis der Bundesrepublik während des Kalten Kriegs zusammengefasst. Was er damit sagen wollte: Die Mutmaßung vieler Länder, Deutschland könne aufgrund eines vermutlichen magnetischen Anziehungseffekts der Sowjetunion vom Westen abdriften und sich der Neutralität zuwenden, verlieh der Bundesrepublik bei Partnern und Nachbarn eine übergeordnete Hebelwirkung.

Faktisch kann ein Wackelkandidat aufgrund der verheerenden Konsequenzen einer befürchteten Fehlleistung (damals: eines Ausstiegs aus der Nato) überverhältnismäßige Macht ausüben. Ein neues Beispiel solcher ineinander verschachtelter, wechselseitiger Kräftebeziehungen beobachten wir jetzt im Spiel um die Entwicklung der Währungsunion. Griechenland ist stark, da es unter beinahe unheilbaren Schwächen leidet und deswegen einen vielerorts beargwöhnten Euro-Ausstieg wagen könnte. Auf der anderen Seite erweist sich das wiedervereinigte - und offenbar überschätzte - Deutschland als schwach, gerade weil ihm international beinahe übermenschliche Stärke attestiert wird.

Nach der Griechenland-Wahl werden wir bei der komplizierten Machtverkettung zwischen Deutschland und Griechenland einen Zusammenprall zwischen zweierlei sich verstärkenden, aber vollkommen inkompatiblen Leitideen erleben. Wegen der angsterregenden vermuteten Folgen eines Euro-Austritts verfügt die neue Athener Regierung - welcher Konstellation auch immer - über ein erstaunliches Maß an Macht und Einfluss.

Nicht nur in Europa, sondern - angesichts der Wirkung des misslungenen Euro-Experiments - auch global. Der ehemalige EZB-Vizepräsident und griechische Premierminister Lucas Papademos, mitverantwortlich als griechischer Notenbankgouverneur für den im Januar 2001 vollendeten Euro-Beitritt, plädiert verklausuliert für eine Verzeihung begangener Sünden sowie für eine Aufweichung der Finanzhilfekonditionen, wenn er die katastrophalen Folgen eines Ausstiegs heraufbeschwört.

Leitidee Nummer eins: Die Griechen glauben, dass sie nicht mehr die Troika-Konditionen einhalten müssen, um an frisches Geld zu gelangen. Zum einen, weil Austerität seit der Wahl des neuen französischen Präsidenten verpönt ist, und zum anderen, weil die Deutschen der Mittäterschaft am Griechenland-Desaster (Nichteinhalten der Maastricht-Kriterien, übermäßige Kreditgewährung an Defizitländer, Gewinn aus dem niedrigen Euro-Kurs) bezichtigt werden.

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Kommentare zu " David Marsh: Schwache Griechen lassen starke Deutsche zappeln"

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  • In dem Artikel steckt viel Wahres, aber das werden unsere Politiker nicht begreifen. Dazu reicht ihr Intellekt nicht und vor allem, dazu hben wir zu viele deutsch- und demokratiefeindliche Politiker im Bundestag, denen das eigene Volk völlig egal ist

  • Wenn man die "europäische Idee" retten möchte, geht das nicht gegen die Einsicht seiner Bürger.

    Die Gründung der planwirtschaftlichen EUdSSR als "Rettung" wird nichts als Widerwillen hervorrufen.

    Und Widerwillen führt zu "starken Männern" - egal wie heftig die Gegen-Propaganda auch ausfällt

  • UK sollte Deutschland aus der Umklammerung durch Frankreich und die Südperipherie helfen. Deutschlands politische Klasse ist alleine dazu nicht in der Lage.

    Aber Cameron tut zur Zeit genau das Gegenteil, er treibt mit seinen kurzfristigen Eurobond Forderungen einen Keil zwischen UK und Deutschland der noch langfristige Auswirkungen haben kann.

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