Der ökonomische Gastbeitrag
Freihandel als Konjunkturpaket

Der Abschluss der Doha-Runde würde die Wirtschaft beleben und wäre eine Initialzündung für weitere Abkommen. Nur ein wirklich freier Handel kann verhindern, dass die globale Resession sich weiter verschärft, schreibt Horst Siebert von der Johns Hopkins University in Bologna.
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Die Finanzkrise und die Rezession in wichtigen Volkswirtschaften der Welt haben eine große Unsicherheit in das internationale Wirtschaftssystem hineingetragen. Wir sehen erste Anzeichen von protektionistischen Maßnahmen wie Zöllen in Indien und Russland. Staatsfonds werden eingeführt, mit denen Länder ihre Industrien schützen wollen und Subventionen verteilen. Die oft hinzukommende Teilnationalisierung von Unternehmen lässt die Exportwirtschaft an politischem Einfluss gewinnen, mit der Folge, dass die internationale Arbeitsteilung weiter verzerrt zu werden droht. Ohnehin verspricht die Sozialisierung von Unternehmen nichts Gutes für effiziente Gütermärkte.

In dieser gefährlichen Situation muss man sich an die Ereignisse der Großen Depression erinnern. Das Welthandelsvolumen, gemessen als Importe der wichtigsten Länder, fiel von 2,9 Billionen US-Dollar im Januar 1929 auf 0,9 Billionen im Dezember 1933. Die in den 1930er-Jahren eingeführten Importzölle und kompetitiven Abwertungen führten zu einer verheerenden Desintegration der Weltwirtschaft. Das darf sich nicht wiederholen. Deshalb muss die Chance ergriffen werden, die sich lange hinziehende Doha-Runde für die Öffnung des Welthandels jetzt abzuschließen. Dies wäre das beste Anti-Rezessionsprogramm, das man sich vorstellen kann. Es würde helfen, Vertrauen auf den Gütermärkten wieder herzustellen, besser als noch so massive Konjunkturprogramme.

Zugegebenermaßen ist es nicht einfach, in einer Handelsrunde voranzukommen, wenn Exporte zurückgehen und damit Arbeitsplätze bedroht sein können. Empirische Analysen der Handelsströme zeigen jedoch, dass der überwiegende Teil des Außenhandels ein Handel mit ähnlichen Produkten, also intrasektoraler Handel, ist. Deshalb muss ein Wirtschaftszweig in einem Land nicht notwendigerweise schrumpfen, wenn der gleiche Wirtschaftszweig in einem anderen Land expandiert. Vielmehr können beide gleichzeitig wachsen.

Die Begründung liegt darin, dass Konsumenten Vielfalt lieben, auch in Bezug auf Güter, die aus anderen Ländern stammen. Hinzu kommt, dass Unternehmen Größenvorteile in der Produktion nutzen können, wenn sie Güter auch für Exportmärkte herstellen. Dieser intrasektorale Handel hat in der Vergangenheit zwischen den Industrienationen kräftig zugenommen. Auch Schwellenländer wie China und Indien partizipieren zunehmend daran: Die steigenden Pro-Kopf-Einkommen erlauben es ihren Bürgern, die Vorliebe für ausländische Güter auszuleben.

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