Der ökonomische Gastkommentar
Bilanzen dienen nicht dazu, Fehler zu verschleiern

Die Bewertung nach Marktpreisen ist auch in der Finanzkrise der richtige Ansatz, um Vertrauen zu schaffen. In ihrem Gastkommentar erklären Nitin Mehta und Iris Uhlmann vom CFA, warum das Fair-Value-Prinzip jetzt genau richtig ist.
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Im Zuge der Krise am US-Hypothekenmarkt mussten Banken bei Kreditderivaten weltweit Wertberichtigungen in Höhe von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar vornehmen. Zahlreiche Marktteilnehmer sehen in den Lücken im Regelwerk zur internationalen Bilanzierung (IFRS) oder in der Anwendung des Bewertungsprinzips zu Marktpreisen ("Fair Value") der amerikanischen Rechnungslegung US-GAAP eine Ursache für die Dynamisierung der Krise.

Die EU hat nun aktuell im Eilverfahren die Pflicht zur Marktpreisbewertung bestimmter Wertpapiere aufgehoben, um den massiven Abschreibungsbedarf der Banken zu bremsen. Sie folgt damit der Richtlinie der amerikanischen Wertpapieraufsicht. Die Aussetzung der Bilanzierung nach Marktpreisen kann aus Sicht des CFA Institute, eines internationalen Berufsverbands für Finanzanalysten und Investmentexperten, jedoch nicht zur Bewältigung der Finanzkrise und zur Wiederherstellung des Anlegervertrauens beitragen.

Gibt es bessere Möglichkeiten, einer Abwärtsspirale aus Abschreibungen, sinkenden Aktienkursen, Zwangsverkäufen, höherem Kapitalbedarf bei Banken und geringerer Kreditvergabe entgegenzusteuern? Nach einer Umfrage des CFA Institute vom April 2008 unter 2 000 Investmentmanagern und Finanzanalysten ist der Marktpreis zur Bewertung von Vermögenswerten dem historischen Anschaffungspreis vorzuziehen. 79 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus. 74 Prozent glauben, dass das Marktwertprinzip die Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte verbessert. Das CFA Institute befragte seine Mitglieder zusätzlich Anfang Oktober 2008 bezüglich einer möglicheren Lockerung der IFRS-Bilanzierungsvorschriften vor dem Hintergrund der weltweiten Bankenkrise. Von den 597 an der Erhebung teilnehmenden Finanzanalysten und Investmentmanagern sprachen sich 79 Prozent gegen eine vorübergehende Aussetzung der Bilanzierung nach Marktpreisen aus. Die Mehrheit der Befragten geht auch davon aus, dass eine Aufweichung der Fair-Value-Bewertung zu einem weiteren Vertrauensverlust innerhalb des europäischen Bankensystems führt. Die vom International Accounting Standards Board (IASB) und dem Europäischen Parlament beschlossene Änderung der Rechnungslegung und die Sonderregelungen für Banken, da es derzeit keine Käufer für Kreditprodukte gibt, sind danach keine adäquate Lösung.

Der deutsche Berufsverband für Unternehmensbewerter IACVA e.V. -Germany und das CFA Institute vertreten hier eine ähnliche Position. Wenn Forderungen mehrfach abgetreten werden und am Ende der Kette eine Bank risikobehaftete Forderungen hält, weil sie entweder Geschäfte nicht versteht oder Risiken falsch einschätzt, handelt es sich auch um Managementfehler. Die gegenwärtige Finanzkrise ist eine Krise des Risikomanagements und falsch berechneter Risiken. Die wahre finanzielle Performance von Unternehmen nun durch die vorübergehende Aussetzung der Bilanzierung nach Marktpreisen zu verschleiern, wird diese fundamentalen Probleme nicht lösen.

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