Der ökonomische Gastkommentar
Die Börse ist farbenblind

Die ökonomischen Auswirkungen der Bundestagswahl scheinen klar: Gewinnt das linke Lager, profitieren eher Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, bei Schwarz-Gelb dagegen steigt der Wert von traditionellen Energieversorgungsunternehmen. Tatsächlich werden die Auswirkungen eines Regierungswechsels auf die Aktienkurse völlig überschätzt.
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Die Anleger schauen gespannt auf den 27. September. Der Ausgang der Bundestagswahl könnte die Kurse einzelner Aktien stark beeinflussen. Da die Energiepolitik eines der wenigen kontroversen Themen im Bundestagswahlkampf ist, gilt dies insbesondere für die Energiebranche.

Die Panne im Kernkraftwerk Krümmel, die Probleme im Atommülllager Asse und die Debatte über Gorleben bieten reichlich Gelegenheit zur Profilierung: SPD und Grüne stehen ebenso wie die Linkspartei für den 2002 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Atomenergieausstieg. Dagegen wollen Union und FDP die Laufzeiten von Kernkraftwerken verlängern. Während Rot-Rot-Grün für die Beibehaltung bzw. für mehr finanzielle Unterstützung erneuerbarer Energien eintritt, möchte Schwarz-Gelb diese Subventionen reduzieren.

Die ökonomischen Konsequenzen des Wahlausgangs scheinen klar: Bei einer Bundesregierung aus dem linken Lager profitieren eher Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, bei Schwarz-Gelb könnten traditionelle Energieversorgungsunternehmen höhere Aktienrenditen erzielen. Insbesondere den Atomriesen Eon und RWE winken zusätzliche Milliardengewinne aus der Laufzeitverlängerung. Entsprechend empfehlen Analysten diese Aktien zum Kauf. Die WestLB hat es sogar in Euro und Cent berechnet: Bei einem Sieg für das schwarz-gelbe Lager steige der Wert von Eon um 2,85 Euro je Aktie und der von RWE gar um 4,62 Euro.

Hatten wir das nicht schon einmal? Im Vorfeld der beiden letzten Bundestagswahlen wurde ähnlich argumentiert. Schon 2002 standen sich in einem bis zur letzten Minute spannenden Wahlkampf die zwei politischen Lager gegenüber, wenngleich die damalige PDS keine so wichtige Rolle spielte wie die Linkspartei heute. Und auch 2002 wurde wiederholt suggeriert, dass bei einer Wiederwahl der rot-grünen Bundesregierung die Aktienkurse von Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien steigen, die Kurse von traditionellen Energieversorgungsunternehmen sinken würden.

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