Der ökonomische Gastkommentar
Die Frauen können es besser

Auch nach über 100 Jahren Frauenbewegung in Deutschland ist das Wissen über das Leben und die Leistungen von Frauen in der Geschichte und der Gegenwart erstaunlich gering. Dabei haben Frauen ebenso zur Geschichte und Kultur beigetragen wie die Männer. Gerade die Finanzkrise zeigt, dass die patriarchalische Management-Kultur ausgedient hat.
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HB. Der weibliche Beitrag wurde in der Dokumentation oft trivialisiert. Aber nicht nur in der Geschichte haben sich Frauen oft gegen erhebliche Widerstände Geltung verschafft. Auch in der Wirtschaft mussten Frauen sich stärker anstrengen als ihre männlichen Kollegen, um sich zu behaupten. In der schwersten Rezession seit Jahrzehnten gewinnen nun schließlich die Managerinnen an Bedeutung – nachdem viele männliche Kollegen in den Vorstandsetagen und Aufsichtsräten ebenso wie in Kontrollgremien versagt und damit das Vertrauen verspielt haben.

Die Weltwirtschaftskrise wurde durch eine Finanzkrise ausgelöst. Und gerade der Finanzsektor ist ein Bereich, der überproportional von Männern dominiert wird.

Werte wie Impulsivität und Risikofreude, die Treiber der vergangenen Jahre waren, werden nun ersetzt durch Authentizität, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit. Unternehmen, die die Fähigkeiten von Frauen in Führungspositionen erkennen und auf Management-Teams setzen, die aus Frauen und Männern bestehen, werden die Herausforderungen meistern. Der Kapitalismus ist nicht ein reines Produktionsverhältnis, sondern bestimmt soziale Beziehungen, Werte und Normen. Und Frauen unterstellt man mehr als Männern ein gesellschaftlich verantwortliches Handeln.

Bei den von Arbeitslosigkeit betroffenen Erwerbstätigen beträgt der Anteil der Männer 55 Prozent. Die Arbeitslosenstatistik weist im Juni 2009 eine Zunahme der Arbeitslosigkeit unter Männern um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum aus. Dies liegt vor allem darin begründet, dass die durch die Krise stark betroffenen Branchen Automobilindustrie, Metallbau, Elektroindustrie in großem Maße Stellen abgebaut haben, die vorwiegend von Männern besetzt waren. Auch die von Kurzarbeit Betroffenen sind zu 79 Prozent Männer.

In Deutschland beträgt der Frauenanteil 51 Prozent der Bevölkerung. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist in den vergangenen Jahren gestiegen, aber immer noch gering. Die Hans-Böckler-Stiftung hat in einer Umfrage 2009 festgestellt, dass unter den leitenden Angestellten nur zehn Prozent weiblich sind. In börsennotierten Unternehmen sind nur drei Prozent der Vorstandsposten von Frauen besetzt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht den Anteil von Frauen in Führungspositionen außerhalb des Finanzsektors bei nur 2,5 Prozent. In den Top-200-Unternehmen (außerhalb des Finanzsektors) liegt der Frauenanteil in den Aufsichtsräten bei neun Prozent.

Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland beim Anteil von Frauen im Management einen mittleren Platz ein. Norwegen führt die europäische Statistik an, da es dort eine gesetzliche Quote gibt, die bei der Besetzung der Aufsichtsratsposten erfüllt werden muss. Mit einer derartigen Regelung hierzulande wäre nicht nur den Frauen geholfen, sie würde sich auch auf den Wohlstand unserer Gesellschaft positiv auswirken. Der Anteil der Hochschulabsolventinnen stieg in Deutschland auf mittlerweile 50 Prozent. Somit gibt es genügend qualifizierte Frauen, um Topmanagement-Positionen zu besetzen.

Neue Denk- und Handlungsweisen werden erforderlich sein, um die Komplexität im Management zu meistern. Dabei spielt eine große Rolle, sich auf handlungsrelevante Sachverhalte zu konzentrieren, Entscheidungsverzerrungen zu vermeiden und die Umsetzung wirksam zu verankern. Die Fähigkeit dazu wird vor allen weiblichen Führungskräften zugeschrieben.

Im Zuge der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft wird das Wissen der Mitarbeiter zum wichtigsten Kapital. Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen sorgen verstärkt für einen Wissenstransfer und damit für eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit sowie profitables Wachstum. Wissensbasierte Ökonomien fordern „weibliche“ Eigenschaften. Ohne die Fähigkeit, Mitarbeiter für gemeinsame Ziele zu motivieren, die Begabung, Konflikte mit diplomatischen Mitteln zu lösen, und Empathie für die Stakeholder wird die beste Strategie nicht erfolgreich implementiert werden können.

Durchsetzungsstärke, Entschlossenheit und Überzeugungskraft sowie visionäre Fähigkeiten werden weiterhin gebraucht. Erst wenn diese Attribute mit weiblichen Management-Kompetenzen zusammentreffen, führt das zu einem integrativen, ganzheitlichen Management.

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