Der ökonomische Gastkommentar
In der Konsumfalle

Allzu oft versuchen wir, die komplexen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und China mithilfe von blumigen, aber irreführenden Metaphern zu beschreiben. So farbig diese auch sein mögen, sie geben uns wenig Aufschluss über die tatsächlichen Beziehungen zwischen den beiden Wirtschaftsgiganten.
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China hält riesige Mengen von US-Staatsanleihen, also betrachten einige Experten Peking als Washingtons Banker. Das führt zu der Folgerung, Peking könne den USA den Geldhahn zudrehen. Andere, wie der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, haben die Beziehung als Ehe zwischen einem spendablen Mann und einer genügsamen Frau beschrieben. Bis vor kurzem hätten die beiden es noch verstanden, ihre jeweiligen Laster auszugleichen. Jetzt aber sei die geizige Frau ihren freigebigen Mann leid.

So farbig diese Metaphern auch sein mögen, sie geben uns wenig Aufschluss über die tatsächlichen Beziehungen zwischen den beiden Wirtschaftsgiganten. Ein Großteil des Wachstums im vergangenen Jahrzehnt beruhte darauf, dass China Mechanismen in Gang gesetzt hat, um Produzenten zu subventionieren und den Konsum zu beschränken, um Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Konsequenz daraus ist, dass China weitaus mehr herstellt, als sein Binnenmarkt aufnehmen kann. Also muss China einen großen Teil seiner Produkte im Ausland absetzen, vornehmlich in den USA.

Wenn aber das Land eine positive Handelsbilanz hat, dann muss ein Gleichgewicht darin bestehen, dass Kapitalinvestitionen vom Überschussland ins Defizitland fließen. Da China ein Handelsplus mit den USA ausweist, muss es den erzielten Überschuss in amerikanische Anleihen, Aktien oder andere Anlagen stecken. Hat China in jüngster Zeit nun seine Darlehen an die USA eingeschränkt? Ja, aber nur in dem Ausmaß, wie das US-Handelsdefizit schmolz. Die meisten Ökonomen betrachten diese Entwicklung als gesund, weil die Amerikaner zu viel konsumieren. Ein geringeres Defizit bedeutet, dass die USA weniger Geld ausleihen müssen, um für Beschäftigung zu sorgen.

Natürlich ist die tatsächliche Haltung der Chinesen gegenüber den amerikanischen Schulden komplexer. Manche wie die Zentralbanker bei der People?s Bank of China sind besorgt, dass die USA letztlich die Inflation anheizen könnten, um die Schuldenlast zu reduzieren, und so einen Wertverlust bei den US-Staatsanleihen auslösen könnten. Andere fürchten, dass sich China zu sehr auf den amerikanischen Konsum stützt, und fordern Peking auf, mehr Gleichgewicht in der Wirtschaft herzustellen.

Aber die meisten Politiker sind weitaus besorgter, dass die Amerikaner in den kommenden Jahren viel weniger chinesische Waren kaufen werden und China zwingen, einen Teil der Überkapazitäten auf dem Binnenmarkt zu absorbieren. Die globale Krise hat die alte Beziehung zwischen den beiden Mächten nicht deshalb gestört, weil China auf einmal nicht mehr ausleihen will, sondern weil die US-Haushalte plötzlich außerstande sind, im alten Stil weiter einzukaufen. Da die Exporte in die USA schneller sinken, als den Chinesen lieb ist, besteht ihre größte Herausforderung nicht in einer plötzlichen Entwertung der US-Staatsanleihen. Sie müssen sich vielmehr auf einmal in einer neuen Welt zurechtfinden, in der die US-Haushalte die Sparsamkeit wiederentdeckt haben.

Was wird nun also geschehen? Wenn Peking kein Mittel findet, den Verbrauch anzukurbeln, dürfte das Wachstum auf sechs bis sieben Prozent sinken. Kann China mehr Konsum anregen? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. In seiner Wachstumssucht hat die Regierung Entscheidungen getroffen, die es chinesischen Haushalten sehr schwer machen, ihre Konsumausgaben schnell auszubauen. Die enormen Subventionen für Unternehmen, die wohl auch eine Welle fauler Kredite nach sich ziehen werden, müssen direkt oder indirekt von chinesischen Haushalten finanziert werden - und das drückt die Konsumstimmung.

Um diese Politik zu korrigieren, müsste Peking die Währung neu bewerten, die Kredit- und Zinspolitik liberalisieren, das Bankensystem säubern und nach Marktprinzipien arbeiten lassen, die Löhne erhöhen und eine Reihe von Subventionen für die Wirtschaft streichen. Das Problem ist, dass diese Politik zwar langfristig richtig ist, kurzfristig aber eine Menge Probleme verursacht. Sie bedeutet, dass die Kosten für die chinesische Geschäftswelt in dem Moment explodieren, in dem die US-Importe kollabieren. Und das könnte zu hoher Arbeitslosigkeit führen.

Je mehr die Amerikaner sparen, desto größer wird der Druck auf China. Während einige Zentralbanker hoffen, dass die US-Bürger die Tugend Sparsamkeit wiederentdecken, so hoffen die meisten Chinesen, dass dies nicht so schnell passieren möge.

Michael Pettis ist Senior Associate der Carnegie Endowment und lehrt Finanzwissenschaft an der Peking-Universität. gastautor@handelsblatt.com

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