Der Ökonomische Gastkommentar
Opportunistische Wendung zum Keynesianismus

Jahrzehntelang hat der Sachverständigenrat den exzessiven Neoliberalismus gepredigt, nun fällt er einfach um. Bricht jetzt eine neue Epoche des Keynesianismus an? Ein Gastkommentar von Horst Löchel, Vizepräsident des Shanghai International Banking and Finance Institute.
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Wenn eine bekannte, konservative Tageszeitung in Deutschland Radioansprachen von John Maynard Keynes aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929/30 im Feuilleton abdruckt und Frankfurts größte Buchhandlung „Das Kapital“ von Karl Marx in ihr Sortiment aufnimmt, dann sind interessante Zeiten angebrochen.

Und in der Tat: Die vom US-amerikanischen Immobilienmarkt ausgegangene Krise, die sich zu einem globalen Sturm ausgeweitet hat, hat der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn als Paradigmenwechsel bezeichnet. Die Rede ist vom Ende des Neoliberalismus und der Wiederkehr des Keynesianismus.

Angesichts der Dramatik der Ereignisse ist das wenig überraschend. Allerdings verwundert doch, wie selbstverständlich, um nicht zu sagen opportunistisch die Wende erfolgt. Immerhin handelt es sich um diametral entgegengesetzte Ansätze. Dass sich die Regierungen mit Konjunkturprogrammen geradezu überbieten, kann man noch halbwegs verstehen: Das Publikum will Aktionen sehen. Was ist aber mit den Ökonomen? We are all Keynesians now – once again?

Ein beredtes Beispiel ist der Sachverständigenrat. Während er in den letzten beiden Jahrzehnten hinreichend penetrant gegen staatliche Konjunkturpolitik anschrieb, soll nun über Nacht das Gegenteil richtig sein. Ohne massive staatliche Eingriffe drohe der Untergang der Volkswirtschaft. So viel Opportunismus war selten.

Die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, ob, wie und wann die diversen Konjunkturprogramme wirken. Bislang sind sie nicht mehr als eine Beruhigungspille für das Publikum. Das muss nicht falsch sein: Schon Ludwig Erhardt wusste, dass Wirtschaft zur Hälfte Psychologie ist.

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