Der ökonomische Gastkommentar
Standortvorteil durch Regulierung

Auf den G20-Gipfeln im November 2008 in Washington und im April 2009 in London haben sich die Staats- und Regierungschefs verpflichtet, gemeinsam ein neues Regelwerk zur Krisenprävention auf den Finanzmärkten einzuführen. Dabei spielen besonders zwei Motive eine tragende Rolle.
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Ein Motiv für das neue Regelwerk liegt darin, dass die national sehr unterschiedlichen traditionellen Regulierungs- und Aufsichtssysteme für die Finanzmärkte offensichtlich nicht mehr ausreichen, um Finanzkrisen zu verhindern. Mit dem rasanten Fortschritt sowohl in den Finanzprodukten als auch in der globalen Integration der Finanzmärkte konnte die Weiterentwicklung der Regulierungsinstanzen und -standards, z. B. durch Basel II, nicht mithalten.

Ein weiteres wichtiges Motiv für die vereinbarte Gemeinsamkeit ist die Befürchtung, dass Länder, die weitreichende Reformen mit strikten Regeln für die gewandelten Finanzmärkte durchführen, als Finanzplatz einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Ländern erleiden, die ihre teils laxen, teils unwirksamen bisherigen Regulierungs- und Aufsichtsvorschriften nur geringfügig ändern.

Nun hat sich am 1. Juli Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf einer DGB-Tagung zur Finanzmarktkrise besorgt gezeigt über einen Rückzug der britischen Regierung von den Verpflichtungen, die sie auf den G20-Gipfeln eingegangen ist. Es gebe erste Stimmen, die eine Rückkehr zum Status quo vor der Finanzkrise befürchten ließen. Die britische Regierung habe sich das Interesse der City of London, nämlich Zurückhaltung gegenüber regulierenden Maßnahmen, inzwischen weitgehend zu eigen gemacht. Im Gegensatz zur engagierten US-Regierung versuche Großbritannien, auf diese Weise die Wettbewerbsvorteile des traditionell starken Finanzplatzes London zu erhalten. Er, Steinbrück, wolle zwar eine stärkere Regulierung. Aber im „Standortwettbewerb der Finanzplätze“ wolle er keine Benachteiligung des Finanzplatzes Deutschland gegenüber London und New York. Mit anderen Worten, auf europäischer Ebene und in Deutschland könne man nur dann zu einem wirksamen Regulierungssystem übergehen, wenn alle wichtigen Länder, also auch Großbritannien, mitmachten. Auf dem EU-Gipfel in Brüssel im Juni sei es wegen des Widerstands der britischen Regierung jedenfalls nicht gelungen, eine europäische Finanzaufsicht mit den Kompetenzen zu etablieren, die etwa Deutschland und Frankreich für notwendig erachten.

Eine laxe Finanzmarktregulierung als Vorteil im internationalen Standortwettbewerb der führenden Finanzplätze zu sehen ist meines Erachtens seit der Erfahrung mit dieser Jahrhundert-Finanzkrise ein wirtschaftspolitischer Fehlschluss. Die jetzt vom IMF auf 4,5 Billionen US-Dollar geschätzte Vermögensvernichtung, rund 660 US-Dollar pro Kopf der Weltbevölkerung, ist in ihrer Dimension ein beispielloser Vorgang. Er wird meines Erachtens das Anlageverhalten von Finanzakteuren grundlegend ändern. Es wird zwar weiterhin Nachfrage nach Anlagen mit hohen Renditeerwartungen und entsprechend hohem Risiko geben, ebenso wie auch trotz aller Nieten die Lottospieler und Kunden von Wettbüros nicht aussterben. Aber die Mehrheit der Vermögensanleger wird in Zukunft ihre Renditeerwartungen eher zurückschrauben und stattdessen auf mehr Sicherheit und Nachhaltigkeit von Vermögensanlagen achten.

Wenn dieser Strukturbruch in den Präferenzen der Anleger tatsächlich stattgefunden hat, dann ist nicht mehr der Finanzplatz im Wettbewerbsvorteil, dessen Regulierungsregime lax ist. Anleger werden die Finanzplätze bevorzugen, deren Regulierungs- und Aufsichtssysteme nachhaltige Finanzmarktstabilität, auch auf Kosten hoher Renditechancen, gewährleisten. Soll London doch weiterhin die unbelehrbaren Anleger mit Zockermentalität bedienen! Im Wettbewerbvorteil werden jedoch die Finanzplätze sein, deren Regulierungssystemen die Mehrheit der Anleger zutrauen wird, die Werthaltigkeit ihrer Anlagen langfristig zu schützen.

Diese neue Konstellation beinhaltet eine große Chance für die Weiterentwicklung des Euros zu einer internationalen Leit-, Reserve- und Vermögensanlagewährung. Peer Steinbrück und Angela Merkel wären gut beraten, wenn sie ihre Ziele für eine international abgestimmte Finanzmarktregulierung im Euro-Raum, also ohne Großbritannien, verwirklichen würden. Die internationale Rolle des Euros in Konkurrenz zum US-Dollar würde dadurch enorm gestärkt. London würde sich mit einem weiterhin laxen Regulierungsregime ins Abseits manövrieren.

gastautor@handelsblatt.com

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