Der politische Gastkommentar
Die europäischen Mächte suchen eine neue Balance

In Berlin spricht man nicht darüber, zumindest nicht öffentlich: Die Bewältigung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise kann zur Neujustierung des europäischen Gefüges führen. Deutschland hat unfreiwillig wieder an Gewicht gewonnen – und Verbündete verloren.
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HB. Auf dem Krisengipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union steht dies unausgesprochen im Raum. Mit Einführung der gemeinsamen europäischen Währung hatte man gehofft, dass der Druck auf Wechselkurse aufhöre und die Vormachtstellung der Deutschen Mark gebrochen sei.

Und nun? Zwischen den Konditionen, zu denen Deutschland auf der einen und Irland, Italien, Spanien oder Griechenland auf der anderen Seite Staatsanleihen in Euro auflegen können, liegen Welten. Manche Spekulanten suchen bereits nach der Sollbruchstelle beim Euro.

Hinzu kommt eine zweite Entwicklung, über deren Konsequenzen man in europäischen Hauptstädten nachdenkt. Das Engagement österreichischer Banken in Mittel- und Osteuropa (Ungarn, Rumänien und Bulgarien) beläuft sich auf etwa 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Alpenrepublik. Dies schnürt Wien die Luft ab.

Berlin ist wieder – widerwillig – währungspolitische und somit auch ökonomische Leitmacht in Europa. Die französische Absicht, die Vorherrschaft der deutschen Wirtschaftspolitik zu brechen, ist durch die Krise neutralisiert worden.

Na und? So hört man jene zynisch fragen, die sich an die Zeiten vor dem Fall der Berliner Mauer erinnern: Deutschland schweigt, zahlt und genießt die wirtschaftlichen Früchte des europäischen Marktes. Was ist neu daran? Neu ist, dass ein entscheidender Posten auf der Rechnung weggebrochen ist: die sowjetische Bedrohung. Zu Zeiten des Kalten Krieges hat Bonn auch deshalb gezahlt, weil es von britischen und französischen Sicherheitsgarantien profitierte.

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