Der politische Gastkommentar
Israel kapselt sich ab

Die rechtsextreme Partei „Unser Haus Israel“ ist drittstärkste politische Kraft des Landes. Der Wahlerfolg der von Avigdor Lieberman geführten Partei spricht Bände über den Zustand der israelischen Gesellschaft. Im Handelsblatt-Gastkommentar nimmt der israelische Regisseur Yoav Shamir Stellung zu einer sich abzeichnenden negativen Utopie.
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HB. In der Nacht nach den Parlamentswahlen in Israel, als die meisten Israelis auf die ersten Hochrechnungen und die Ergebnisse warteten, gab es einen Moment der Entspannung: eine kurze Satire, arrangiert von der Gruppe, die „Wonderful Country“ produziert, eine Art israelisches Saturday Night Live.

In dem Satirefilm wurde Avigdor Lieberman persifliert, der aus Moldawien stammende Führer der extrem rechten Partei „Israel Beitenu“ („Unser Haus Israel“). Der Lieberman-Darsteller trat in einer langen Armeejacke auf (die er vorher in einem Ausverkauf bei dem Herrenausstatter „Alles für den Faschisten“ gekauft hatte). Begleitet wurde er von sechs sehr kräftigen Bodyguards in schwarzen T-Shirts, die mit Mühe aggressive deutsche Schäferhunde an den Leinen zurückhielten. Lieberman und seine Truppe platzten in eine fiktive Siegesfeier von Zipi Liwni und Bibi Netanjahu, die beide simultan exakt dasselbe sagten. Lieberman und seine Leute übernahmen die Bühne, und der Parteichef begann, seine Vision eines mit harter Hand geführten Israel zu erläutern. Nach ein paar Sätzen riss er den Arm hoch und trainierte das Publikum, sofort zu klatschen. Wäre der Anlass nicht so erschreckend, hätte diese Satire sehr komisch sein können.

Nachdem die Ergebnisse nun klar sind und Liebermans Partei „Unser Haus Israel“ es tatsächlich geschafft hat, zur drittstärksten politischen Kraft in meinem Land zu werden, will ich versuchen zu erklären, was dieses Resultat darüber aussagt, wie wir Israelis unser Land und die Welt um uns herum wahrnehmen.

Ein kleines, scheinbar unbedeutendes biografisches Detail aus dem Leben von Lieberman könnte möglicherweise den Schlüssel dafür bilden, die hohe Attraktivität zu erklären, die diese rechtsextreme Partei für das jüdische Volk in Israel hat. Lieberman begann seine berufliche Karriere als Autor von Theaterstücken in seinem Heimatort Chisinau in Moldawien. Er schrieb unter anderem ein Stück mit dem Titel „Die Studenten“.

Gehen wir in der Geschichte etwas mehr als hundert Jahre zurück, können wir feststellen, dass Theodor Herzl, der Prophet des Zionismus und eines jüdischen Staats, seine Karriere ganz ähnlich begonnen hat. Einige Historiker haben die These aufgestellt, dass Herzls Denken einen anderen Weg genommen hätte, wäre ihm Erfolg als Autor beschieden gewesen. In diesem Fall, so ihre Annahme, hätte er sein für die damalige Zeit megalomanes Projekt fallenlassen, das später tatsächlich zur Gründung des jüdischen Staates führte.

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