Gastbeiträge

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Eine Replik auf Ansgar Heveling: Kulturkampf? Könnt ihr haben!

Für Frank Rieger ist die Attacke gegen die Netzgemeinde des CDU-Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt ein Aufruf zum Kulturkampf. Der Sprecher des Chaos Computer Clubs und Internetexperte nimmt den Fehdehandschuh gerne auf.

Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club. Quelle: dapd
Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club. Quelle: dapd

Ansgar Hevelings Verkündung der neuen revanchistischen Grundsätze der Netzpolitik der Union hat für einiges Aufsehen gesorgt. Bei seinen guten Freunden aus der Musikindustrie durfte er sich gestern auf der Branchenmesse Midem im sonnigen Cannes sicher über einen Ehrenplatz am Schnittchenbuffet freuen. Dort und bei den Leistungsschutzrecht-Verfechtern aus der Verlagsbranche finden sich dann wohl auch die einzigen, die Ansgar Heveling noch ernst nehmen. Im Netz etabliert sich hingegen gerade ein neues Wort: „hevelingen: wild über etwas schwadronieren, wovon man keine Ahnung hat“.

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Ansgar Heveling redet vom Netz als wäre es eine vorübergehende Modeerscheinung, geschaffen um den geistig-moralischen Bankrott des Abendlandes zu beschleunigen. Ich bin in „diesem Netz“ seit 1990 beheimatet. Damals gab es noch keine Webseiten, wie wir sie heute kennen und schon gar kein „Web 2.0“, vor dem Heveling aus unerfindlichen Gründen so viel Angst hat. Den ersten Webbrowser, den Ansgar Heveling wahrscheinlich als „das Internetprogramm“ kennt, gab es erst drei Jahre später.

Gastkommentar Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!

Das Web 2.0 ist bald Geschichte, glaubt der CDU-Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling. Die Revolution der „digitalen Maoisten“ gehe vorbei, die Frage sei nur, wie groß die Schäden sind. Er fordert: Bürger, seid wachsam!

Seitdem hat sich das Netz für ganze Generationen zum zusätzlichen Sinnesorgan, zum Lebensort und Arbeitsplatz entwickelt. Mittlerweile haben dreißig Millionen Haushalte in Deutschland einen schnellen Internetzugang. Kaum jemand lebt noch gänzlich ohne Netz. Woher der Unionspolitiker seine „Mehrheit der realen Menschen“ halluziniert, die dem Netz feindseelig gegenüberstehen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Vielleicht hinkt der Netzausbau in Hevelings heimatlichem Städtchen Korschenbroich dem allgemeinen Standard noch etwas hinterher.

Ebenso bizarr mutet die Hevelingsche Idee an, das „geistige Eigentum“ wäre die wesentliche Kernerrungenschaft der bürgerlichen Revolution. Es klingt ein wenig, als würde hier aus einem schlampig zusammengestellten Stichwort-Katalog der Medienindustrie geguttenbergt. Die europäische Aufklärung, mit der gewisse Teile der Union ja so ihre gelegentlichen Probleme haben, fußte auf genau den Dingen, die Heveling so kriegerisch und pathosschwanger angreift und abgeschafft sehen will.

Es war gerade der nicht mehr aufhaltbare Fluss an Ideen und Schriften und die Möglichkeit der anonymen Publikation von kritischen und aufrührerischen Gedanken, die das Fundament für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit legten. Aber lassen wir die Rhetorik ein wenig hinter uns und kommen zum eigentlichen Anlass des Hevelingschen Kampfrufes.

  • 31.01.2012, 20:16 Uhr

    Frank Rieger sei deswegen tiefer Respekt geschuldet, weil er auf die Problematiken blickt, statt sie rückwärtsgerichtet lösen zu wollen.

    Die Kurzen sind ja auch nicht das Problem: Das Problem ist, wenn nach einer Urheberrechtsverletzung auch noch Rechte an der Urheberrechtsverletzung nicht nur angemeldet, sondern eingeklagt werden sollen: in den USA zb.

    Das dürfte später mal ggf. als "Rechtehopping" diskutiert werden.

  • 31.01.2012, 21:00 Uhr

    Ich finde schön wie Herr Rieger den Blickpunkt auf die Geschäftsmodelle richtet. Das Problem bei der Internet-Technologie ist, dass diese sehr weitreichend zu einer Produkt-/DL-Substitution führte (oder Leap Frogging in Entwicklungsländern). Manche Branchen kamen damit sehr gut zurecht (z.B. Logistik, Automobil, etc.), aber die Medienbranche hatte nunmal ihren fettesten Wertschöpfungsanteil in der Distribution. Und das Internet ist ein Distributionskanal. Das ist eine schwere Geschäftsentscheidung sich selbst zu kannibalisieren (Und es ist eine echte Management-Kunst das durchzuziehen). Und wenn so ein Medienunternehmen es nicht schafft (verschläft, wie auch immer), dann schickt es seine Anwälte und Typen wie Heveling ins Rennen. Den hinter sich dem Gesetz (bzw. selbst geschriebene Gesetze) ist der letzte Strohhalm wenn man es betriebswirtschaftlich vergeigt hat.
    Und mit Google und Wikipedia hat Heveling hinsichtlich der Machtposition zum Teil Recht. Die Konsumenten/Nutzer/etc. können deren monopolartige Stellung genauso schnell wieder entziehen, wie sie es denen gegeben haben. Das ist ein gewaltiger Unterschied zu einem klassischen kapitalintensiven Monopolisten vor denen Verbraucher nicht weglaufen können. Der Herr Heveling kennt diesen Unterschied wahrscheinlich nicht.

  • 31.01.2012, 21:29 Uhr

    Lieber Herr Rieger,

    genau wie Herr Heveling keine Ahnung vom Netz hat, scheinen Sie nichts von Ökonomie zu verstehen. Aber damit sind Sie leider nicht alleine. Viele (vor allem Fans der Piratenpartei) verfallen im Moment dem naiven Glauben, dass das Urheberrecht nicht mehr zeitgemäß sei. Die Argumente die dabei gegen die "Verwertungsindustrie" ins Feld geführt werden, weisen dabei starke Parallelen zu den Gedanken sozialistischer Politiker auf, wenn es um den "Kapitalismus" geht. Ihre Argumentation hat drei Schwachpunkte:

    1. Sie differenzieren nicht zwischen Wissen, Kunst und Kommerz. Sie bringen die freie Verfügbarkeit von Wissen ins Spiel, die in Gefahr ist, wenn sich die "Industrie" durchsetzt, wobei es eigentlich in erster Linie um das Legalisieren von Kopien von Produkten der Unterhaltungsindustrie geht.

    2. Sie unterschätzen das psychologische Signal einer Legalisierung der "Privatkopie". Sobald ich diese erlaube, werden viele Menschen, die heute ein schlechtes Gewissen dabei hätten, sich Filme zu kopieren, sich nichts mehr dabei denken, frei nach dem Motto "es ist legal, also ist es wohl erwünscht und schadet nicht." Die ökonomischen Konsequenzen für die Industrie, die davon lebt, digitale Konsumgüter zu produzieren, wären verheerend, da sie ihre Produkte theoretisch nur noch an genau eine Person verkaufen könnte.

    3. Sie übersehen Opportunitätskosten. Das Argument der Piraten ist immer wieder, dass eine digitale Kopie kein Diebstahl sei, da keine Kosten anfallen. Das ist schlichtweg falsch. Natürlich entstehen keine direkten Kosten, aber Kosten durch entgangene Verkaufserlöse. Wenn ich die Schöpfer immaterieller Güter um ihre Erlöse bringe, senke ich deren Aussicht auf Profite und damit den Anreiz diese Güter zu schaffen.

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