Essay: Abschied vom Gucci-Kapitalismus

Essay
Abschied vom Gucci-Kapitalismus

Das Blutbad der Krise bringt eine neue Form des Kapitalismus hervor. National wie international wird er sich durch Kooperation und ein breiteres Verständnis von Wohlstand auszeichnen - ein System, das an Fairness, sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit ausgerichtet ist.
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Manch einer behauptet, dass die akute globale Finanzkrise, diese Depression, die London und New York gleichermaßen trifft, keinen Einfluss auf die Natur des Kapitalismus haben wird. Dass wir uns unseren Weg durch die Höhen und Tiefen der Wirtschaftsentwicklung schon immer gebahnt haben und dass der Kapitalismus auch aus dieser Krise unversehrt hervorgehen wird. Und dass der Kapitalismus in fünf Jahren im Grunde ebenso aussehen wird wie vor sechs Monaten.

Ich verstehe diese Vorsicht, etwas Neues zu prognostizieren, dieses Zögern, einen Abgesang auf den Kapitalismus anzustimmen. Aber ich stimme dem nicht zu. Ich glaube, jetzt sind alle Bedingungen für ein merklich anderes Wirtschaftsmodell vorhanden, das aus dem Blutbad entstehen könnte, welches diese Krise angerichtet hat.

Ich glaube nicht, dass wir heute einfach nur eine neue Variante der russischen Krise erleben, der Dotcom-Krise oder der japanischen Krise. Diese Krisen sind allesamt geschehen. Sie hatten Konsequenzen, aber sie haben Wirkung weder auf die Ideologien noch auf die Grundzüge von Politik und Wirtschaft erzeugt.

In dieser ersten Krise der Globalisierung zählt jedermann zu den Verlierern: Sie trifft die Angestellten, sie trifft die einfachen wie auch die qualifizierten Arbeiter. Sie geht in ihren Auswirkungen sehr tief, wird viele Menschen überall auf der Welt negativ beeinflussen. Sie ist zugleich so offensichtlich ein Ausdruck dessen, was passiert, wenn private Institutionen ihr Profitstreben über alles andere stellen, und ist dermaßen verknüpft mit den fehlerhaften Doktrinen der vergangenen 30 Jahre, dass ich glaube: Sie hat das Zeug dazu, einen radikalen Wandel des Kapitalismus auszulösen, einen radikalen Wandel der Beziehungen zwischen Regierungen, Geschäftswelt und der Gesellschaft. Und das ist eine Gelegenheit, die wir beim Schopfe packen müssen.

Ich habe die vergangene Epoche des Kapitalismus den Gucci-Kapitalismus genannt. Gucci-Kapitalismus war eine Ideologie, die Mitte der 80er-Jahre entstand. Ein Wunschkind von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Milton Friedman war der Pate und Bernhard Madoff der Junge auf dem Plakat. Eine Ära, deren fundamentale Annahmen waren, dass Märkte sich selber regulieren sollten, die Regierungen sie sich selbst überlassen sollten und die Menschen nicht mehr und nicht weniger seien als rationale Nutzenmaximierer.

Es war eine Ära, in der sich die Machtbalance zwischen Unternehmen und Gesellschaft zunehmend zugunsten der Wirtschaft verschob. Zum Teil lag das daran, dass die Unternehmen so groß geworden waren. Vor dem Ausbruch der Krise stellten Unternehmen ein Drittel der weltweit 100 größten Wirtschaftseinheiten, also nationale Volkswirtschaften eingeschlossen.

Zum Teil lag es daran, dass die These, Wirtschaft sei gut und der Einfluss des Staates sei schlecht, immer mehr Anhänger fand. Und zu einem Teil ging es auch darauf zurück, dass in diesem bequemen Netzwerk von typischerweise weißen, älteren Herrschaften die Rollen in den Regierungen, in Unternehmen und Aufsichtsgremien munter rotierten. Diese Art des Umgangs war eher dazu angetan, miteinander Golf zu spielen, als sich gegenseitig auf die Finger zu schauen.

Diese Periode bestärkte den fast religiös anmutenden Glauben in die Kraft der Märkte nicht nur als effizienten Verteilungsmechanismus für Güter und Ressourcen, sondern auch als Garant von Gleichheit, Gerechtigkeit und sogar Freiheit. Und das, obwohl sich der Eindruck verdichtete, dass die Realität dem nicht standhielt und dass sich in all jenen Ländern, die dem Gucci-Kapitalismus frönten, eine immer tiefere Kluft zwischen der Wirtschaft und der sozialen Gerechtigkeit auftat.

So trugen die leitenden Manager in britischen Banken Gehälter nach Hause, die die Löhne von einfachen Arbeitern um das Hundertfache überstiegen. In den USA konnten Hedge-Fonds-Manager mehr als eine Milliarde Dollar verdienen. Doch gleichzeitig verbesserte sich in beiden Ländern die soziale Mobilität, die Möglichkeit zum Aufstieg aus eigener Kraft, in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr.

In dieser Zeit, über die wir hier reden, wurde nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Umwelt verwüstet. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben wir mehr Stürme, mehr sintflutartige Regenfälle, mehr Hitzeperioden als je zuvor erlebt. Der Klimawandel hat das Leben vieler gekostet, er hat Wanderungsbewegungen von Hunderttausenden erzwungen, Hungerkatastrophen ebenso verursacht wie Kriege um Ressourcen.

Wenn wir nichts dagegen unternehmen, wird er noch viel mehr Unheil in weitaus größerem Ausmaß erzeugen. Dennoch dauerte es dank der Unternehmenslobby und der Bush-Administration an der Spitze des Gucci-Kapitalismus bis zum vergangenen Jahr, bevor es ein breites Eingeständnis dafür gab, dass der Klimawandel in vollem Gange ist und dass Mensch und Industrie dafür verantwortlich sind.

Es war die Epoche, in der Gordon Gekkos Mantra "Gier ist gut" aus dem Film "Wall Street", der schon in den 80er-Jahren in die Kinos kam, das Motto für die nächsten zwei Jahrzehnte lieferte. Risiko wurde von Politikern gefördert und von der Gesellschaft gelobt. Aber Verantwortung wurde nicht in gleichem Maße angepasst.

In dieser Zeit wurde Geld zum Synonym für Erfolg. Es war eine größere Schande, nicht das neueste paar Nike-Sneaker oder Gucci-Handtaschen zu tragen, als Schulden zu machen. In den USA hatte jeder Verbraucher durchschnittlich neun Kreditkarten.

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